musirony - Il Trovatore - PART 1
 

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Giuseppe Verdi [1813-1901]

Il Trovatore

Der Troubadour


Lyrisches Drama in vier Akten und acht Bildern

Libretto von Salvatore Cammarano
fertiggestellt von Leone Emmanuele Bardare

nach dem Drama 'El Trovador' von Antonio García Gutiérrez


in italienischer Sprache

 

Uraufführung am 19. Januar 1853 am Teatro Apollo in Rom

Dauer etwa 140 Minuten

Verzeichnis der Charaktere:

Leonora – Hofdame der Prinzessin von Aragón (Sopran)
Manrico – Kommandant im Dienst des Prinzen von Biscaya (Tenor)
Conte di Luna – Kriegsherr auf der Seite der Fürsten von Aragón (Bariton)
Azucena – eine Zigeunerin aus der Region Biscaya, vermeintliche Mutter Manricos (Mezzosopran)
Ferrando – Hauptmann im Heer des Grafen von Luna (Bass)
Ines – Leonoras Zofe und Vertraute (Sopran) Ruiz – ein Soldat im Gefolge Manricos (Tenor)
und weitere

Verzeichnis der traditionellen Bühnenprospekte:

  1. Vorhalle im Schloss des Grafen di Luna
  2. Verwilderter Garten mit alten Baumbeständen im Mondschein
  3. Belebtes Zigeunerlager
  4. Kreuzgang einer alten Klosteranlage
  5. Feldlager des Grafen di Luna vor der Feste Castellor
  6. Gemach in der Feste Castellor
  7. Platz vor dem Kerker in der Burg des Grafen di Luna
  8. Kerker mit Gitterfenster und Blick nach draußen

Das Geschehen spielt zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Nordspanien


     Wappen von Aragon



HANDLUNG


Erster Akt - DER ZWEIKAMPF

Erste Szene: DER ALIAFERIA-PALAST IN ARAGONIEN

Ferrando, der alte Haudegen, meint, wenn er selbst nicht schlafen kann, muss er die anderen wecken. Die Privatangelegenheiten seines Herrn, die ihn überhaupt nichts angehen, beschäftigen seine Gedanken und er plaudert aus, was er weiß. Die ganze Nacht verbringe der Graf unter dem Balkon der Einzigen, die er liebe. Die grimmige Schlange der Eifersucht attackiert sein Herz, denn ein Troubadour ist sein Rivale, vervollständigen die unsanft aus dem Schlaf gerissenen seinen Report. Mit Recht fürchte ihn der Hintergangene, denn zu nächtlicher Zeit schleiche der Versucher gelegentlich im Garten seiner Verlobten umher und mache sich deutlich bemerkbar. Schmachtend erhebe er seine wohlklingende Stimme, um seiner Angebeteten ein Ständchen zu bringen, welches er mit einer Laute begleite.

Sobald Ferrando mit den aktuellen Nachrichten fertig ist, kommen die alten Geschichten an die Reihe. Diese werden immer wieder gern gehört und mit Wonne gruselt man sich aufs Neue. Die Soldaten und Gefolgsleute sollen einen engen Kreis um ihn bilden, damit ihnen kein Wort entgeht, denn es handelt sich um ein Ereignis aus der Dynastie der Grafen von Luna.

Also, das war so: „Glücklich lebte einst ein Vater von zwei Söhnen...“, aber glücklich war er nur so lange, bis das Schicksal fürchterlich zuschlug. Der kleine García schlief nachts in seiner Wiege und die Amme sollte auf ihn aufpassen, damit sein Wohlbefinden durch kein Vorkommnis beeinträchtigt werde. Die Nachlässige nimmt ihre Pflichten aber nicht ernst, und als sie am Morgen aufwacht, steht an der Wiege des Jüngsten eine wildfremde Person. Die Soldaten und Gefolgsleute kennen die Geschichte natürlich längst und bringen den schon etwas betagten Ferrando in sein Fahrwasser. Scheinheilig fragen sie, wer das wohl gewesen sein könnte.

Ein Zigeunerweib, welches ihren Hexencharme im Gesicht trug, hielt ihr blutunterlaufenes Auge starr auf das Kleinkind gerichtet. Erst das Geschrei der Amme lockte die Diener herbei und mit Drohung und Stockschlägen wurde das schlimme Weib, welche die Unverletzlichkeit der gräflichen Wohnung gröblich missachtet hatte, in die Flucht geschlagen. Gerechter Ärger bewegt die Herzen der Zuhörenden auch im Parkett und man fragt sich, was das dämonische Weib bezwecken wollte. Ihre Ausrede, sie habe dem kleinen Erdenbürger das Horoskop richten wollen, war natürlich eine Lüge. Bedauerlicherweise versäumte der angeschlagene Graf es, auch die unachtsame Amme zu verdreschen.

Schon am nächsten Tage befiel ein schleichendes Fieber den Säugling. Bleich und zitternd lag es zur Nachtzeit in seinen Kissen, erbärmlich weinen hörten die Bediensteten es am Tage – es war wie verhext, sein Geist schien gebrochen und bereits in einer anderen Welt zu sein. Die Gefolgsleute schaudern, denn Ferrando hat sie mit seiner Geschichte einmal wieder in seinen Bann geschlagen.

Die Hexe wurde aufgestöbert und auf dem Scheiterhaufen rechtmäßig verbrannt. Sie hinterließ eine fluchende Tochter als Instrument ihrer widerwärtigen Rache. Eines Tages war der todkranke García verschwunden. Vermutlich hatte ein abscheuliches Verbrechen stattgefunden, denn in dem Schwelbrand des Scheiterhaufens, auf dem die Schindmäre ihr irdisches Dasein aushauchte, fand   man die Überreste einer kindlichen Leiche – halbverbrannt, noch schmorend. Die Umstehenden entrüsten sich erneut und fragen, wie der erzürnte Vater sich verhalten habe.

Der alte Graf hat den Schicksalsschlag auf Dauer nicht verkraftet, denn mit der Kunde über den angeblichen Tod seines Kindes wurde er nicht fertig. Er hatte düstere Vorahnungen und mysteriöse Traumgesichter, die er seinem Sohn, dem jetzigen Grafen von Luna auf dem Sterbebett erzählte. Sein kleiner Bruder sei nicht ins Feuer geworfen worden, er solle nicht aufgeben, nach ihm zu suchen. Erst wenn er dies geschworen habe, sei er bereit, seinen letzten Atemzug zu tun und ihn als Erben von Würden und Immobilien zu bestätigen.

Die Soldaten wollen wissen, ob über die Tochter der Hexe nichts weiter bekannt geworden sei. Falls sie eines Tages am Ort des Verbrechens einmal auftaucht, würde Ferrando sie wiedererkennen? Der Alte bestätigt durch Kopfnicken – selbst nach all den verstrichenen Jahren, er würde! Genau so gut könne sie aber auch in der Hölle sein, um ihrer Mutter Gesellschaft zu leisten.

Ferrando glaubt nicht, dass der Mutter schlimme Seele in der Hölle Unterkunft gefunden hat. Manche sagen, dass ihr Geist sich noch auf der Erde aufhalte und sich dort in den unterschiedlichsten Formen herumtreibe. Das stimme in der Tat, behaupten einige der Umstehenden, sie sitze dann als Eule oder Wiedehopf auf dem Ast eines Baumes und starre unentwegt auf ihren Betrachter. Manchmal erscheine sie auch als Rabe und flög pfeilschnell davon, wenn sie sich aufgescheucht fühle. Ferrando legt noch zu:

Sie kam in Form einer Eule
in die Stille einer leeren Halle.
Mir flammendem Auge
starrte sie zu ihm hin.
Mit geisterhaftem Schrei
erhob sie sich fluchend in die Luft“

nachdem sie den Diener totgepickt hatte. Fluch der alten Hexe!

Man hört das Rollen eins Trommelwirbels. Es ist das Zeichen, dass die Wächter sich auf ihre Plätze begeben sollen.
 


Zweite Szene: IM GARTEN VON LEONORAS WOHNSITZ

Es ist dunkle Nacht. Dichte Wolken schieben sich vor den Mond. Leonora kommt mit Ines in den Garten. Leonora klagt, dass wieder eine Nacht verstreichen wird, ohne den Geliebten gesehen zu haben. Die Zofe glaubt, ihre junge Herrin ein bisschen bevormunden zu können. Was hält sie zurück? Es sei schon spät und sie soll jetzt endlich kommen! „Che più t'arresti? L'ora è tarda!“ Die königliche Dame habe nach ihr gefragt. „Hat sie es gehört - oder etwa nicht!“ Die Herrin füttert eine gefährliche Flamme. Ines möchte gern wissen, wie und wann der erste Funke das Feuer entzündet hat.

Schwärmerisch erzählt Leonora die Geschichte, wie sie das erste Mal die Bekanntschaft mit ihrem Troubadour gemacht hat. Zu den Wettkämpfen kam er als Ritter in schwarzer Rüstung und Helm mit Visier zum Herunterklappen. Die Helmzierde, bewegte sich als kecker Federbusch im Wind. Allen Anwesenden war der Ritter unbekannt, aber das macht nichts, er durfte sich in die Kampfliste eintragen. Man fragte nicht nach dem Namen, denn kampfbereite Ritter, die sich im Spiel ein bisschen mit der Lanze kitzeln wollen, sind immer gefragt. Jeder Sieg gehörte tatsächlich ihm und ihre Aufgabe war es, ihm den verdienten Lorbeer über dem Nasensturz zu platzieren. Gezeigt hat er ihr sein ganzes Gesicht nicht, ein lässiges Kopfnicken war alles. Der Wettstreit war vorbei, der Ritter verschwand. Er hinterließ ihr reichlich Stoff für luftige Träume. „Was passierte dann?“ will die neugierige Ines wissen.

                                                             Leontince Price

Nun setzt Leonora zur Bravourarie des ersten Aktes an: „Ascolta! Tacea la notte placida … „ Ines soll ihr zuhören: Die friedvolle Nacht legte sich ruhig und lieblich über den stillen Himmel. Der Silbermond erstrahlt mit fröhlichem Gesicht. Plötzlich wird die Ruhe der Nacht von den zirpenden Klängen einer Laute unterbrochen. Es erklingt der wehmütige Gesang eines fahrenden Sängers, der sich zunächst wie ein Gebet anhörte - doch dann fiel ihr Name. Nun wusste sie, dass der vokale Ausbruch ihr galt. Ihr Herz sagte ihr, dass es einzig der Kandidat ihrer Träume sein müsse und sie rannte zum Balkon. Freudige Erregung kam in ihr auf, wie nur Engel sie fühlen können. Die Erde schien zum Himmel zu werden.

Ines erklärt, dass ihr Vortrag ihre Gefühle durcheinander bringe. Eine bedrückende und traurige Vorahnung erwache in ihr. Es sei das Beste, zu versuchen, ihn zu vergessen! Den guten Rat einer Freundin soll sie befolgen! „Che dici? Oh, basti! - Was sagst du? Genug!“ Leonora empört sich und macht der Freundin klar, dass sie sich vergeblich bemühe, ihr den Geliebten aus ihren Gedanken zu vertreiben. Sie habe zu ihr ein Wort gesprochen, das ihre Seele nicht versteht. In ihrem Innern verspürt sie eine Liebe, die Worte kaum beschreiben können. Sie entzückt ihr Herz und ihr Schicksal kann sich nur erfüllen, wenn sie für immer in seiner Nähe weilen kann. Andernfalls zieht sie es vor, zu sterben. Ines beschwichtigt, dass eine Frau, die so sehr liebt wie Leonora, niemals Reue empfinden könne. Das als richtig Erkannte wird noch mehrmal wiederholt bis die Damen im Palast verschwinden, um zwei Kampfhähnen den Austragungsort für ihre Aggressionen freizumachen.

Tace la notte!“ Der Graf von Luna beginnt mit der Feststellung, dass weit und breit Ruhe herrscht und die königliche Dame wahrscheinlich zu dieser Zeit schläft. Allerdings flackert die Lampe in ihrem Zimmer, deren Schein vom Balkon zu ihm hinunterfällt. Die Liebe brennt ihm in jeder Vene. Er muss sie sehen und sie muss ihm zuhören. Gewaltsam wird er den Zugang zu ihrem Schlafzimmer erzwingen. Danach komme ihr lieblichster Moment an die Reihe. Der Verdurstende bewegt sich in Richtung Treppe, als plötzlich die Saiten einer Laute gestrichen werden. „Il trovatore! Io fremo!“ In seiner Absicht behindert, zu Leonora zu gelangen, zittert er vor Eifersucht und Wut. Es erklingt Manricos Stimme:

Deserto sulla terra,
col rio destino in guerra,
è sola speme un cor,
un cor al trovator. -

Allein auf dieser Erde,
unglücklich im Krieg,
nichts als ihr Herz zu besitzen,
ist die Hoffnung des Troubadours.“

Der Eindringling auf ein fremdes Grundstück macht sich Hoffnung, dass er größer sein wird ,als ein König, wenn er als bescheidener Troubadour in wunderschönem Vertrauen ihr Herz erobert haben wird.

Der gräfliche Rivale schäumt vor Wut und wickelt sich in seinen Mantel. Er hat wirklich nicht missverstanden, denn die Hoheitsvolle reagiert jetzt und kommt die Stufen herunter. Leonora ahnt nicht, dass sich zwei Männer im Garten aufhalten. Eine dichte schwarze Wolke schiebt sich vor den Mond und Leonora stürzt sich einfach in die Arme desjenigen, der am nächsten steht. Sie reklamiert auch noch, dass er sich verspätet habe. Hat er das Schlagen ihres Herzens nicht gehört? Doch sei jetzt nicht der passende Moment, eine Rüge zu erteilen und mit der Empfindung einer großen Liebe soll er sie in seine Arme schließen.

Die Unzuverlässige soll näher kommen, hört Leonora hinter sich plötzlich Manricos Stimme. Auch Herr von Luna lässt sich vernehmen: „Avvampo di furor!“ - Was wagt Leonora ihm zu bieten? Auskunft will er auf der Stelle. Manrico meint enttäuscht, dass es zum Verhalten der Dame nichts weiter zu sagen gibt. Die dunkle Wolke vor dem Mond hat sich verzogen und Leonora erkennt ihren Irrtum. Vom Grafen reißt sie sich los, stürzt Manrico zu Füßen und bekennt, dass sie in der Dunkelheit einen furchtbaren Fehler gemacht habe. In ihrer Achtlosigkeit habe sie gedacht, er wäre es, als sie liebevolle Worte sprach, die ihre Seele offen legten. Sie liebe nur ihn mit einer großen und dauerhaften Liebe, das sei die absolute Wahrheit.

Die Fronten sind geklärt: Der Troubadour ist zufrieden und kann sich keinen größeren Vorteil vom Schicksal wünschen. Graf von Luna brennt vor Wut. Laut kreischt Leonora „Io t'amo, io t'amo“ und meint den Troubadour. Wenn dieser kein Feigling sei, soll der Fremde jetzt seinen Namen nennen. Der unsanft Aufgeforderte stellt seine Wenigkeit vor und der Rivale hat die Gewissheit, dass er weder emotional noch politisch mit dem Nachtschwärmer harmoniert, denn Manrico steht auf der Seite des Prinzen von Biscaya, während die Dynastie der Lunas die erklärten Günstlinge der Könige von Aragon sind. Wie kann der unbesonnene Narr und Gefolgsmann von Urgel es wagen, hinter das Gartentor einer königlichen Hofdame vorzudringen? Zum Tode sei er verdammt!

Manrico schlägt vor, dass der andere seine Wachen rufen und ihn den mörderischen Schwertern seiner Männer vorwerfen soll. Doch der betrogene Freier ist allein gekommen und kann nur auf seine eigene Körperkraft setzen. Nach kurzem verbalen Vorgeplänkel ist ein Zweikampf nicht mehr zu vermeiden. Der letzte Moment des Schurken sei gekommen! Als Sieg seiner Wut wird er unter seinen Händen vergeblich nach Atem ringen. Das Feuer seiner eifersüchtigen Liebe brenne ihn mit furchtbarer Flamme. Manricos Blut dürfte kaum in der Lage sein, es abzukühlen. Leonoras erregtes Einschreiten bezweckt lediglich, dass sie zur Seite geschoben wird. Manrico beruhigt sie: Des Gegners prahlerische Wut sei leer. Er wird dem ungeliebten Freier das Ende bereiten. Durchstochen von seiner Klinge wird der Nebenbuhler fallen. Erweckt durch ihre Liebe, sei er auf diese Weise unbesiegbar geworden. Das Schicksal habe entschieden, dass er dem Leben des anmaßenden Rivalen ein Ende setzen werde. Für ihn selbst habe die Vorsehung als schönstes Geschenk ihr mit Liebe gefülltes Herz aufgehoben. Die beiden Rivalen zücken ihre Waffen gegeneinander und eilen hinter die Bühne. Leonora umfängt wohltuende Ohnmacht und sinkt bewusstlos zu Boden. Das Publikum geht davon aus, dass sich die beiden Kampfhähne nur ein Scheingefecht liefern, weil sie als Handlungsträger der folgenden drei Akte noch benötigt werden.
 

Zweiter Akt – DIE ZIGEUNERIN

Dritte Szene: EIN ZIGEUNERLAGER AM GOLF VON BISCAYA

Gegenseitig machen die Zigeuner sich darauf aufmerksam, dass der Himmel sein düsteres nächtliches Gewand fortwirft und vergleichen die Situation mit einer Witwe, die sich ihrer Trauerkleidung entledigt. Allgemein pflegt man die Ansicht, dass das Zigeunerleben lustig und die Zigeunermädchen hübsch seien. Schon am frühen Morgen wird Wein getrunken, den die Frauen den Männern in plumpen Krügen reichen. Körper und Seele nehmen nach der Vorstellung von Salvatore Cammarano Festigkeit, Dauerhaftigkeit und auch den Lebensmut vom Wein. Die aufgehende Sonne kennzeichnet den anbrechenden Tag. Ihr Licht spiegelt sich im Strahl und beleuchtet den Vorgang, wie das Getränk den Weg in den Becher und vom Becher zur Kehle findet. Sodann geht man an die Arbeit. Zumindest die Stammesangehörigen, die das Schmiedehandwerk pflegen, lassen optisch äußerst wirksam den Hammer munter auf den Amboss sausen, dass die Funken sprühen.

Ihr Schicksal, von dem sie später ausgiebig berichten wird, hat Azucena geprägt und ihr im Laufe der Zeit ein markantes Aussehen verliehen. Im Lager nimmt sie eine Führungsrolle ein und alle scharen sich um sie, wenn sie am flackernden Lagerfeuer aus ihrer Vergangenheit erzählt. In unmittelbarer Nähe liegt am Boden ein stattlicher junger Mann, der sich in seinen Mantel gewickelt und neben sich ein Schwert platziert hat. Der Helm mit Federbusch liegt achtlos neben ihm und das Opernpublikum erkennt in ihm den mutigen Manrico wieder, der den Zweikampf mit dem Grafen von Luna offenbar siegreich überstanden hat. Er wirkt ein wenig verloren unter den Zigeunern, denn sein Aussehen lässt vermuten, dass er ethnisch nicht zur Gruppe gehört.

Mit der Arie „Strida la Vampa“ nimmt Azucena den Handlungsfaden des zweiten Aktes auf und repetiert stockend die fürchterliche Vision, die sie ihr ganzes Leben begleitet. Sie behandelt den Flammentod ihrer Mutter, zu dem der Graf von Luna die angebliche Hexe verurteilt hatte, weil sie – wie er glaubt - sein Kind durch den „bösen Blick“ verhext und krank gemacht habe. An einem Strick gefesselt, barfüßig und in Lumpen gehüllt, wird die Mutter zum Scheiterhaufen gezerrt und an den Pfahl gebunden. Ihre Flüche und Todesschreie hallen über die Klippen und übertönen das Schäumen der Meeresbrandung. Unablässig ruft sie nach der Tochter, von der die Sterbende verlangt, dass sie sie eines Tages rächen wird. „Lodern um Himmel sieht Azucena die Flammen“ in denen die Mutter umkam. Der Widerschein des grellen Feuers spiegelte sich auf Gesichtern des hysterischen Mobs.

Ihr Leid sei schlimm, erklären ihr die mitfühlenden Stammesgenossen, aber nicht schlimmer als die Geschichte, die sie erzählt, widerspricht Azucena. In Manrico setzt die alte Zigeunerin die Hoffnung, dass er sie rächen soll, doch unlustig erwartet dieser zunächst eine umfassende Aufklärung über die Hintergründe. Männer und Frauen verlassen das Lager, um in der nahen Stadt Vorräte einzukaufen, so dass sich unter vier Augen Azucena die Gelegenheit bietet, Manrico mit weiteren Details zu konfrontieren.

Dem Opernpublikum bleibt es nicht erspart, nun die ganze Geschichte - um Zutaten bereichert - noch einmal zu hören. Die Zuschauer werden wissbegierig, weil der Ursprung des Geschehens mit der Anwesenheit Manricos im Zigeunerlager zusammengebracht wird. Die Geschichte vom Tod ihrer Mutter sei tragisch und bitter, wiederholt Azucena, weil ein stolzer Graf sie bezichtigte, seinen kleinen Sohn mit Krankheit belegt zu haben. In Fesseln schleiften sie die Mutter zu ihrem schlimmen Schicksal, um sie auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Die Tochter bahnte sich unter Tränen einen Weg durch die Menge, um ihr zu folgen. Der Versuch der Mutter, sie zu segnen, scheiterte, denn die Mörder trieben sie mit spitzen Dolchen vorwärts und stießen sie in die Flammen. Ihre letzten Worte nach Vergeltung, lösten in Azucenas Herz ein ewig währendes Echo aus.

Manrico will nun wissen, ob es ihr gelungen sei, der Mutter Wunsch zu erfüllen. Die Befragte führt aus, dass sie es bewerkstelligte, das kranke Kind zu stehlen. In aller Klarheit tauchte in ihr erneut die Vision auf, wie die Mörder die Mutter an den Pfahl banden, das Feuer sich entzündete und unter furchtbaren, unvergesslichen Schreien ihr Leben erlosch. Die Flammen des Scheiterhaufens glimmten noch. Von unerbittlichen Geistern getrieben krümmten sich ihre Finger und sie warf das Kind in die Flammen. Das Feuer flackerte auf und konsumierte den kleinen Körper. Das Delirium endete, doch als sie sich umdrehte, sah sie auf den kleinen Sohn des teuflischen Grafen.

Was will sie damit sagen, fragt Manrico, dessen volle Aufmerksamkeit erwacht ist. „Mio figlio – mio figlio – il figlio mio avea bruciato“ ihren Sohn, ihren eigenen Sohn hatte sie gebrutzelt. Die Haare standen ihr zu Berge. „Quale error!“ Azucena fällt erschöpft zu Boden. Manrico ist betroffen, ihm ist ganz dumm im Kopf vor Schrecken und Überraschung. Er sei also nicht ihr Sohn! Wer ist er dann? Schätzchen, du bist der Sohn, den Azucena in die Flammen geworden hat. Nun merkt Azucena endlich, welchen Schwachsinn sie produziert und verbessert sich schleunigst. Natürlich sei er ihr Sohn! - Aber soeben habe sie etwas anderes behauptet. - Ach, wahrscheinlich ist alles so, wie es ist. Wenn sie sich erinnert, wie es war, legt das Schicksal ihr stupide Worte in den Mund. Himmel! Hat sie ihn nicht immer geliebt, wie eine Mutter? „Potrei negardio?“ Klar, wie könnte er es bestreiten! Verdankt er ihr nicht sein Leben, als sie in jener Nacht kam, um ihn auf dem Schlachtfeld von Pelilla einzusammeln? Sie hat ihn versteckt, als man nach ihm suchte und gesagt, dass er umgekommen sei. Sie fand ihn, nur noch schwach atmend und pflegte ihn mit der Liebe einer Mutter gesund. Ihre ganze Sorge richtete sich auf sein Wohlbefinden.

Manrico erinnert sich seiner Heldentaten: Alle waren geflohen! Aus einer Menge von tausend Leuten kämpfte er allein weiter. Dann fiel der teuflische Graf Luna mit seiner Meute über ihn her. Seine Leute starben, er stürzte als tapferer Mann, doch das Schicksal schonte ihn. Nun, den Dank hat der Halunke erhalten, als er ihn bei seinem jüngsten Zweikampf schonte, höhnt Azucena. Welches fremde Mitgefühl hat ihn geblendet, will sie wissen, weil sie die Chance ihrer persönlichen Rache an Graf Luna verpasst sieht? O gute Mutter, Manrico kann es nicht erklären! Hilflos unter seinem wilden Angriff war der Rivale zu Boden gefallen. Der Hieb, der ihm zugedacht war, schwebte über seinem Kopf. Doch als sein Arm niedersauste, wurde er auf mysteriöse Weise zurückgehalten. Er fühlte plötzlich wie ein Schauer durch seinen Körper rann und dann hörte er eine Stimme vom Himmel, die rief: „Töte ihn nicht!“ Aber die Stimme des Himmels sprach nicht zum undankbaren Herzen des Schurken. Wenn das Schicksal - Gesicht an Gesicht im Kampf mit dem Schurken - solch einen Tag noch einmal bringt, gehorche bitte der Weisung der Mutter, so als ob es Gottes Befehl sei und stoße die Klinge deines Schwertes dem Halunken ins Herz. Manrico schwört, dass er dem Befehl der Mutter gehorchen wird und dem Bösewicht die Klinge in die Rippen stoßen wird. Beide ergötzen sich noch ein wenig an der Vorstellung an dem, was er machen soll und was er auch tun wird. Es erklingt eines der beliebten Schwurduette, die in der Opera seria häufig vorkommen.

Plötzlich ertönt in einiger Entfernung ein Blashorn. Ein Bote taucht auf und überbringt im Namen des Prinzen von Biscaya eine Nachricht ins Zigeunerlager.

Manrico liest die Neuigkeit:

Wir haben Castellor eingenommen.
Der Prinz befiehlt,
dass du es verteidigst.
Wenn du die Nachricht erhältst, komme unverzüglich!“

Weiter heißt es:

Noch diesen Abend wird Leonora,
- befangen in dem Gedanken, du seiest tot -
den Schleier nehmen
und in das Kloster eintreten,
welches in der Nähe des Lagers liegt.“


Für Manrico ist dies eine wichtige Botschaft, die ihn veranlasst, dem Himmel zu danken. Der Bote soll eilig ein Pferd für ihn satteln. Azucena ist nicht einverstanden und versucht ihn zurückzuhalten. Manrico hat kein Ohr für ihre Einwände. Er soll sein Leben nicht riskieren und daran denken, dass die alten Wunden noch nicht ausgeheilt sind. Emotionale Gefühle macht sie geltend, denn jeden Tropfen Lebenssaft den er verliert, sei Blutverlust von ihrem eigenen Herzen. Weder Himmel noch Erde haben die Macht, ihn zurückzuhalten. Die Mutter soll ihn ziehen lassen oder will sie einen Sohn zu ihren Füßen liegen sehen, der sich vor Kummer krümmt? Sie soll sich um ihn nicht sorgen, sondern sich um sich selbst kümmern, ist Manricos harsche Antwort.

Der Opernbesucher kann sich nicht erklären, von wem die Botschaft kam und vermutet eine Finte des Grafen Luna.


Vierte Szene: KONVENT IN DER NÄHE VON CASTELLOR

Tutte è deserto - Alles ist verlassen.“ Der Graf von Luna, sein Faktotum Ferrando und seine Gefolgsleute haben sich gegen die nächtliche Kühle in warme Mäntel gehüllt und halten im Klostergarten Ausschau, so als ob sie jemanden erwarten würden. Der übliche Gesang, der eine Einkleidungsszene begleitet, ist noch nicht erklungen, so dass es für ihr Unternehmen  auch noch nicht zu spät ist. Ferrando äußert sich, dass sie ein gewagtes Unterfangen vor sich haben. Riskant sei ihr Vorhaben schon, aber Luna hat sich aus maßloser Liebe und aus verletztem Stolz entschlossen, diese Hürde zu nehmen. Wenn der Rivale erst tot ist, muss lediglich Leonora noch vor den Altar geschleift werden, was durchaus noch ein paar Komplikationen bringen kann. In jedem Fall wird Leonora ihm und keinem anderen gehören, Leonora ist sein! Seine Leidenschaft für die Hofdame ist tief empfunden, das bezeugt seine Arie „Il balen del suo sorriso ..“ Das Strahlen ihres Lächelns macht die Sterne blass und die Schönheit ihres Gesichts steigert seinen Mut. Er gedenkt der heißen Liebe, die in ihm brennt und zu seinen Gunsten spricht. Von ihrem Blick erhofft er sich, dass der rasende Sturm in seinem Herzen sich von allein besänftigt. Wenn Leonora nicht von allen guten Geistern verlassen ist – überlegt der Opernbesucher – wird Leonora sich gern entführen lassen, denn Manrico kann ihr im Zigeunerlager keine Zukunft bieten, mit der zukünftigen Schwiegermutter wird sie sich nicht verstehen und Castellor befindet sich im Belagerungszustand. Allerdings, wenn Leidenschaft und Dummheit von allen Seiten aufeinander prallen, besteht wenig Hoffnung, dass die Situation sich entschärft.

Ferrando hört wie schon sooft die Glocken Leuten und avisiert, dass der Ritus jetzt beginnt. Graf Luna ordnet an, dass Leonora wegzuschaffen sei, bevor sie ihren Schleier festzurrt und vor den Altar tritt. Man soll behutsam mit der hohen Dame umgehen, rät Ferrndo. Ratschläge kann der Graf jetzt nicht gebrauchen. Ferrando soll gehen, und sich unter den Bäumen versteckt halten. „Ah! fra poco mia diverrà! Tutto m'investe un foco! - Bald wird sie mein sein – Feuer verschlingt mich.“ Erwartungsvoll schaut Luna in die Richtung, aus der Leonora kommen wird. Ferrando gibt seinen Leuten letzte Instruktionen. In der Sache geht es vorwärts. Sie sollen tapfer sein, sich im Schatten der Bäume verstecken und sich ruhig verhalten - "Lasst uns die Sache hinter uns bringen" ermuntert er die Kampfgefährten. Fatale Stunde seines Lebens! Mögen die unliebsamen Momente der Entführung in Eile vergehen. Anschließend gehöre die Freude ihm; diese wird größer sein, als eine andere, die er jemals hatte. Vergeblich wird der Rivale sich in Opposition zu seiner Liebe setzen. Nicht einmal Gott kann ihm seine Dame jetzt noch wegnehmen. Zur Bekräftigung singt Luna seinen Text mehrmals.

Der Graf und seine Leute verstecken sich. Aus dem Kloster hört man liturgischen Gesang. Die Nonnen wollen wissen, welchen Irrtum man der Tochter Evas aufgebürdet hat. Bevor ihr Ende eines Tages naht, wird sie einsehen, dass letztendlich alle irdischen Hoffnungen nur ein Schatten sind - wirklich nur ein Traum, in der Tat, der Schatten eines Traumes! Die Nonnen fordern sie auf, mutig näher zu kommen, der Schleier wird sie vor allen menschlichen Augen verstecken. Kein irdischer Atem und keine bösen Gedanken besudelten je dieses Kloster. Wenn sie sich dem Himmel zuwende, wird sich dieser auch öffnen.

Ferrando und seine Gefolgsleute betonen immer wieder, dass sie tapfer sein wollen, sich aber im Moment noch zu verstecken haben. Leonora nähert sich in der Gegenwart von Ines und einigen Nonnen. Leonora fragt Inez teilnahmsvoll, weshalb sie weint. Ach, weil die Freundin sie für immer verlässt, ist sie tief unglücklich. „O dolci amiche, un riso, una esperanza, un fior ... – Liebe Freunde, ein Lächeln, eine Hoffnung, eine Blume auf Erden, diese Regungen und Produkte können von ihr nimmermehr Besitz ergreifen." Sie muss mich ihm zuwenden, welcher der einzige Komfort ihres Lebens sein wird. Ines soll nicht weinen und sie jetzt verlassen!

Graf Luna erschreckt mit seinem unvermittelten Auftauchen die Anwesenden. Eine Unverfrorenheit, die Stille des Kloster zu stören! Der Ungestüme erklärt, dass er Leonora jetzt den Hochzeitsaltar zeigen will. Doch dazu kommt es nicht, denn Manrico ist soeben eingetroffen. Ein staunendes „Ah“ tönt es aus den offen stehenden Mündern der überraschten Klosterfrauen.

Leonora stammelt, ob sie es glauben kann, dem Liebsten in dieser Umgebung zu begegnen und ihn nun an ihrer Seite zu sehen. Dies sei ein Traum, der mit dieser Welt nichts gemein habet, trotzdem bemächtige sich ihrer eine entzückende Ekstase. Ihr Herz kann solche große und plötzliche Freude nicht aushalten. Ist er vom Himmel zu ihr gekommen oder ist sie im Himmel mit ihm? Weder der Himmel habe ihn verschluckt, noch habe er den schaurigen Weg zur Hölle angetreten, entgegnet Manrico. In der Tat kann nur der Tod die unendlichen Gefilde verlassen und Luna sieht für sich einen Nachteil, weil die Hölle ihre Beute laufen lässt. Die beiden führen nun einen hochgeistigen Dialog miteinander und dringen in philosophische Bereiche vor, die man ihnen gar nicht zugetraut hat und deren Inhalt im Moment auch unwichtig ist. Leonore sieht sich dem Himmel in jedem Fall näher gekommen, schneller als sie dachte. Ines und die Nonnen stellen fest, dass der Himmel, der immerzu in den Mund genommen wird,  Gnade verstreut hat. Der Graf fordert Manrico auf, zu verschwinden, wenn er weiterhin am Leben bleiben möchte. Zu allem Überfluss tritt nun Ruiz mit seinen Leuten ein und gibt die Parole aus: „Lange lebe Urgel“ Manrico begrüßt seine tapferen Männer und Ruiz fragt bei Leonora an, ob es ihr gefällt, ihm zu folgen. Graf von Luna wird umzingelt und seine tapferen Männer werden entwaffnet. Eine verrückte Situation! Ferrando ist ratlos und fragt seinen Gebieter: „Che tenti signor – Was beabsichtigt der Herr zu tun?“ Dieser hat sein Schwert gezogen und überlegt, ob er einfach abstechen oder zustechen soll, gibt seine ursprüngliche Absicht aber vernünftigerweise ganz auf.

Es kommt zum Finale des zweiten Aktes. Alle singen durcheinander: Leonorafragt immer noch, ob es der Himmel war, der ihr den Liebsten zurück gegeben hat. Inesund die Nonnen glauben, dass Gott Mitgefühl gezeigt habe. Ruiz und seine Kameraden äußern sich, das dass Schicksal den Liebenden zugelächelt hat. Das Leben für Manrico wird anstrengend werden und die Brust des Grafen hat sich mit Rache gefüllt. Manrico, Leonora und Ruiz verlassen mit ihren Leuten das Kloster. Ferrando ist ratlos, wie er sich verhalten soll, denn der Graf hat sich schmerzerfüllt und voller Trotz zu Boden geworfen. Die Nonnen suchen Schutz hinter den dicken Klostermauern.

DRITTER AKT: (Fortsetzung auf Blatt 2)

musirony 2009

 

 

 

 

 

 

 


 


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