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Schöne Oper - selten gehört



Giacomo Puccini [1858 - 1924]

Edgar


Oper in drei Akten 

in italienischer Sprache

Libretto von Ferdinando Fontana [1850-1919]
Quelle nach Alfred Musset (La Coupe et les lèvers)

Uraufführung am am 21. April 1889 an der Mailänder Scala


Personen:

Tigrana, eine rassige Maurin, als Kind verschleppt

Edgar, ein Psychopath

Fidelia, ein flandrisches Bauernmädchen

Frank, zunächst Rivale, später Waffengefährte Edgars

Gualtiero, sein resoluter Vater

Bauernvolk, fleißig und gottesfürchtig


Das Geschehen spielt im Jahre 1902 in Flandern, Koertrijk und Umgebung
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HANDLUNG


Erster Akt:

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1

Fidelia ist ein bescheidenes Mädchen und braucht nicht viel, um glücklich zu sein. Wie herrlich lacht der sonnenklare Morgen! Wie freudig klopft das Herz in ihrer Brust! Wonnige Blütendüfte füllen die Lüfte. Der frühlingsblaue Himmel strahlt hold herab. Auf der Bank vor der Schenke liegt Edgar. Der Faulpelz verschläft den wunderschönen Morgen. Muss die Sonne ihn am helllichten Tag ertappen? Der Aufgeweckte reagiert mürrisch: Fidelia muss immerzu scherzen, aber er sei zum Scherzen nicht aufgelegt und möchte in Ruhe gelassen werden. So leicht lässt die Kleine sich nicht abschütteln. Beim Aufwachen hat sie sich etwas Hübsches ausgedacht. Den Mandelbaum, der neben der Dorfkapelle das Bild beherrscht, schmücken wunderschöne Blüten. Es sind viel zu viele!
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Sollte sie Edgar heute begegnen, wird sie einen Zweig herausbrechen und es ihm als frohen Morgengruß schenken. Die Gutgelaunte schreitet zur Tat, küsst die Staubgefäße und wirft das Büschel dem Umworbenen zu. Edgar zeigt Manieren und bedankt sich. Fidelia stürzt verschüchtert davon, denn es kommen Leute. „Wie lacht froh der sonnenklare Morgen! Wie strahlet heut der  frühlingsklare Himmel“....., jubelt der Opernchor.

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2

Welch süße Szene hat sie da gerade gestört? Hat sie mit ihrem Kommen das Täubchen etwa verscheucht? Sie hätte nie gedacht, dass ihn nach dem Honig pastoraler Liebe gelüstet. Edgar ist im Anblick des Mandelbaumzweiges versunken und liebt es nicht, schon am frühen Morgen von der Seite angesprochen zu werden. Tigrana soll ihn in Frieden lassen! Nach ihrer heißen Liebe und dem brennenden Kuss ihrer Lippen stand ihm einstmals der Sinn, in ihren Armen lag er in wildem Rausch. Offenbar bereut Edgar seine Jugendsünden, denn er will nichts mehr von ihr wissen. Fürchtet er sich vor dem Höllenfeuer als Strafe für unerlaubte Liebe? Tigrana spottet. Wenn er sich zum Seufzen geboren fühlt, ist die Kirche der richtige Ort für ihn. Gemeinsam mit den anderen kann er dort im Chor keusche Lieder plärren. Tigrana soll jetzt endlich den Mund halten! Der Verärgerte verschwindet in seiner Hütte. Die Verschmähte quittiert mit aufreizendem Gelächter.

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3

Wo war Tigrana letzte Nacht? Was kümmert ihn das? Frank hat gewartet und sie blieb aus. Tigrana bietet Klartext. Sie hat auf ihn keine Lust mehr und betrachtet die Beziehung als beendet. Frank, der Bruder Fidelias, kann es nicht fassen und er hätte es nicht geglaubt, wenn zuvor in seinem Leben ihm jemand gesagt hätte, dass Tigrana ihn so quälen würde. Die klugen Weiber wandernder Zigeunerscharen hätten es ihm weissagen können! Sodann bricht die Erinnerung aus Tigrana hervor. Als kleines Kind hatten Zigeuner sie geraubt, eine zeitlang mit sich herumgeschleppt und dann am Wegrand einfach liegen lassen. Frank, der sich ihre Gunst erhalten möchte, reagiert weder praktisch noch taktvoll. Er meint, dass sich nun grausam rächt, dass man sie vor Ort geduldet habe und vergleicht Tigrana mit der Schlange, die unverdient und mildtätig am Busen der Dorfgemeinschaft genährt wurde. Es liegt durchaus im Ermessen von Frank, sich nicht mit ihr zu zeigen! Tigrana verschwindet in der Schenke. Frank sinkt auf die Bank nieder, auf der Edgar sein Morgenschläfchen gehalten hat. Tiefes Mitleid ergreift ihn mit sich selbst. Diese qualvolle bittere Liebe möchte er vergessen. Doch ein unheilvoller Zauber hält seine Sinne gefangen. Wie oft hat er geschworen, ihr zu entsagen. Dann findet er sich zu ihren Füssen wieder. Sie hat nur Spott für seinen Kummer und lacht seiner bitteren Klagen. Doch er kann nicht von ihr lassen!

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4

Bauervolk drängt in die Kirche. Das Kirchenschiff kann den Andrang volumenmäßig nicht fassen und die Überzähligen knien draußen unter dem Säulenvorbau. Sie singen von der Demut auf Erden, und dass nur der wahrhaft glücklich sein kann, der die Gebote seines Schöpfers befolgt. Tigrana fühlt sich aus der bäuerlichen Dorfgemeinschaft von jeher ausgestoßen. Sie trällert ein blasphemisches Liedchen und begleitet sich dazu auf ihrer Laute. Von den Dörflern bekommt sie zu Recht eine Verwarnung, auf welche die Heißblütige aggressiv reagiert: Sie gönnt ihnen ihre frommen Gebete und sie sollen ihr das kleine Liedchen lassen. Wenn es ihnen nicht gefällt, kann sie nichts dafür. Ihr gefallen die Bittgesänge der Gemeinde auch nicht. Die freche Dirne soll sich zum Teufel scheren! Ein Spottlied und ein Gebet sind zwei grundverschiedene Dinge. Tigrana bleibt uneinsichtig und beharrt auf ihrem Standpunkt. Ob das Bauernvolk nun zürnt oder nicht, ist ihr gleich. Sie wird weiterhin ihr Liedchen trällern. Jeder lebt so, wie es ihm behagt! Der Streit eskaliert. Mit Prügel soll die freche Dirne vom Platz getrieben werden. Satans Ebenbild ist sie. Die Schönheit hat er ihr geschaffen, damit sie den Menschen zum Fluch wird. Das schändliche Weib wird noch alle verderben, wenn man dem Übel nicht rechtzeitig beisteuert. Nun fühlt sich Tigrana physisch ernsthaft bedroht und steuert auf Edgars Häuschen zu.

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5

Edgar erscheint in der Haustür und erkundigt sich, was es gibt, obwohl der Tumult und Tigranas Bedrängnis ihm eigentlich erschöpfende Auskunft geben müssten. Die Zigeunerin hat es gewagt, mit frechen Liedern die Andacht zu stören. Sie soll aus dem Dorf verschwinden. Fort mit ihr! Die Bauern sind verblüfft, dass Edgar nicht auf ihrer Seite steht und bitten um Stellungnahme.

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In Edgar regen sich plötzlich Urinstinkte, die ihn anweisen einer schutzlosen Frau seinen dolchbewehrten Arm zu leihen. Was seine Geistesgaben anbelangt, hat die Natur ihn als Stiefkind behandelt, denn er schickt sich an, nicht nur töricht daherzureden, sondern auch wie ein Gestörter zu handeln. Das Bauernvolk soll sich um sein eigenes Seelenheil kümmern. Sehr rasch können sie Bekanntschaft mit seinem Dolch machen! Noch heute wird er die Heimat verlassen und niemals wiederkommen. Seine elende kleine Hütte wird lodern, denn mit eigener Hand wird er die wilde Flamme entzünden. Orror!

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6

Al fuocco! Al fuocco! Der verrückte Edgar hat es tatsächlich fertiggebracht, seine Bruchbude in Brand zu setzten. Er behindert die Dörfler sogar bei dem Versuch, den Brand zu löschen. Seinen Arm hat er um Tigranas Hüfte gelegt und schickt sich an, das Dorf zu verlassen. Ein Leben voller Wonne soll ihnen aus diesen Flammen erglühen. Frank denkt ähnlich, aber an sich,  und versperrt den beiden Emigranten den Weg. Edgar erlaubt er zu gehen, aber Tigrana soll bleiben! Die beiden Kampfhähne höhnen sich an und rasseln zusammen! Nun greift Edgars Vater ein. Auf die Stimme des Vaters soll er hören und von seinem Toben ablassen! Fidelia hält Edgar umklammert, damit er dem Brüderlein nichts tut. Der Grauhaarige entwickelt für sein Alter noch erstaunliche Körperkräfte. Es gelingt ihm Edgar den Dolch zu entwinden. Der Dorfgemeinschaft ist daran gelegen, dass ‚die feile Dirne’ die Gemeinde verlässt. Wenn der Brandstifter sie begleiten will, kann es ihnen nur recht sein. Frank flucht ihnen hinterher. Edgars Bruchbude flackert lichterloh – ein effektvolles Finale des ersten Aktes, von Puccini meisterhaft orchestriert.

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Zweiter Akt:

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7

Dem Operbesucher ist völlig unerklärlich, dass es dem mittellosen vagabundierenden Pärchen gelungen ist, eine Einladung zu einem Ball in einen vornehmen Palast erhalten zu haben. Es kann sich aber auch so verhalten, dass den beiden der Palast tatsächlich gehört und von Tigranas Liebeslohn finanziert wurde. Von irgendwo muss Edgars plötzlicher Hass auf die Liebste schließlich kommen! Puccini hatte keine Bedenken, diese Diskrepanz zu akzeptieren: deshalb sollte der Betrachter sich zu dieser Unglaubwürdigkeit auch keine weiteren Gedanken machen. Die eingeladenen Gäste sind fröhlich und singen ein Trinklied. Der Becher soll bis auf den Grund geleert werden, denn schon morgen kommt vielleicht der Tod.

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8

Zwischen Tigrana und Edgar gab es Zerwürfnisse und sie vertragen sich nicht mehr. Offenbar ist ihm die Geliebte doch ein bisschen zu anstrengend oder zu unmoralisch und mit dem Bild, welches der Bauernbursche sich von Sittsamkeit malt, nicht in Einklang zu bringen. Obwohl er flandrisches Erbgut in sich trägt, reagiert Edgar auf südländische Art. Er mag Tigrana auf einmal nicht mehr leiden. In der Nacht begehrt er sie, aber am Tage hätte er lieber Fidelia. Die Heißblütige ist sich keiner Schuld bewusst, trotzdem fühlt sie sich verschmäht. Die Situation, in die Edgar sich selbst hinein manöveriert, lässt sich nur tiefenpsychologisch erklären. Südländische Denkungsweise, die Puccini vertritt, teilt die Frauen in zwei Kategorien. Die Tugend  - verkörpert durch Fidelia - ist dem Mann im Prinzip langweilig, wird aber von der Gesellschaft hochgehalten. Der Frivolität - bei Tigrana angesiedelt – begegnet die Öffentlichkeit mit Missgunst und beurteilt sie abfällig. Die freie Liebe macht höllischen Spaß, und den Mann drängt es zum Vergnügen. Die körperliche Umsetzung der Begierde steht in Opposition zu religiösen Traditionen. Maskulines Empfinden möchte sich mit Schuldgefühlen nicht plagen, kurzerhand wird die sündige Last auf die ‚Verführerin’ abgewälzt. Es ist sein Schicksal: Bekommt der Herr der Schöpfung das eine, will er das andere. Ständig lebt er mit sich in Zwietracht! Aus dieser Sichtweise lassen sich der Handlungsablauf und die Ergüsse des zweiten Aktes halbwegs erklären. Tigrana sieht ihr Lebensglück in Edgar und versucht alles, den nichtverschuldeten Riss zu kitten. Sie fordert ihn auf, in wilder Lust zur süßen Qual zu kommen.

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9

Überhaupt nicht ins Konzept passen will das Finale des zweiten Aktes. Frank ist zu militärischen Ehren gekommen und stürmt mit seinen Soldaten den Bankettsaal. Frank ist überhaupt nicht begeistert, dass Edgar seinen Weg kreuzt. Edgar entschuldigt sich wegen des einstigen Zerwürfnisses und bietet an, als Soldat in seine Dienste treten zu dürfen. Er sei der Geliebten überdrüssig und möchte sich von ihr lösen. Seltsamerweise hat Frank an der einstigen Flamme auch keinen Spaß mehr und bedankt sich, dass ihn der Dolch des einstigen Rivalen vor einer Dummheit bewahrt habe. Die gedemütigte Tigrana fleht, dass Edgar sie nicht verlassen möge. Dieser hat nur einen Wunsch, siegen oder sterben für das Vaterland. Tigrana versteht die Welt nicht mehr. Dem Opernbesucher geht es genau so.

Dritter Akt:


10

Frank und Edgar haben sich kumpelhaft angenähert und der Letztere ist zu militärischen Ehren aufgestiegen. Ihm wurde die Befugnis erteilt, zum Ruhme Flanderns Ritterrüstung tragen zu dürfen. Viel Spaß hat der Träger an dem Bekleidungsstück nicht gehabt, denn kurze Zeit später ist der edle Ritter in der Schlacht gefallen und man zelebriert nun seine Bestattung. Den  Bühnenhintergrund bildet die turmbewehrte Stadt Kortrijk. Die Aufmerksamkeit des Publikums richtet sich auf einen  Katafalk neben einer Kapelle vor einem Wehrturm. Der Trauerzug nähert sich und wird von einer Ehrenwache begleitet. Ein Kinderchor lässt sakrale Gesänge vernehmen, die zwischen dem Stimmungsgehalt eines Requiems und eines Laudatios pendeln. Die Trauernden werden aufgefordert, für den Toten namens Edgar zu beten. Viele Feinde fielen von seiner Hand. Deshalb wird der tapfere Streiter in den Himmel eingehen, der Gerechte und Ungerechte eintreten lässt, denn die Sonne hat über beide geschienen. Der Name Edgar hat das Mädchen Fidelia an den Ort der Zeremonie gelockt. Die Klagen der Menge vermehren ihren Schmerz. Edgars Tod bricht ihr das Herz.

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11

Edgar hat sich mit der Bevölkerung einen bösen Scherz erlaubt. Sein Leichnam befindet sich nicht in der Rüstung, diese ist leer, sondern Edgar steht als Mönch verkleidet neben Frank vor dem Katafalk. Ursache für die inszenierte Maskerade dürfte sein ziemlich zerrütteter Geisteszustand sein. Diesen sollte man einer angeborenen Schizophrenie und nicht Tigrana anlasten. Fidelia komplettiert ihre Totenklage mit dem Bedauern, dass ihr junges Leben nun verwelken wird. Es assistieren zwölf Mönche, die ihre gesanglichen Einwürfe in lateinischer Sprache bringen.

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12

Das nun folgende Duett zwischen Frank und Edgar stürzt die Trauergäste in Verwirrung, denn alle positiven Eigenschaften des Toten bestreitet der Mönch aus diabolischer Freude an Pessimismus und Untergang. Frank lobt, dass der tapfere Hauptmann Edgar von den Bösen gefürchtet wurde und seinem Wahlspruch ‚Heimat und Ehre’ bis zum Tode treu blieb. Dem entgegnet der als Mönch verkleidete Edgar, dass er im Prinzip nicht abstreitet, beschuldigt aber den Aufgebahrten, dass er sein Haus in Brand gesetzt und hat und ein Wüstling war. Der Chor nimmt die Schmähung des Toten nicht hin und fordert den Mönch auf, zu schweigen. Nun ist Frank wieder an der Reihe: Der wackere Held kämpfte in den dichtesten Reihen. Er war des Heeres lebendes Banner, er ging in den Kampf für Freiheit und Tod. Der Mönch entgegnet, dass sein Heldentum von niedrigem Wert war, denn der Tote war ein Habenichts und hatte nichts zu verlieren.

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13

Der Aufgebahrte hat alle Sünden bei ihm gebeichtet und nun soll das Volk erfahren, welche Schandtaten er im Leben verbrach. Die Menge ist begierig, es zu erfahren. Der Mönch möchte nicht unglaubwürdig erscheinen und sucht in der Menge Zeugen für seinen Report. Hat der Attackierte sein Vaterhaus verbrannt? Ist es wahr, dass er die Dorfgemeinschaft verhöhnt und verspottet hat? Ist es wahr, dass er versucht hat, den lieben Frank zu erstechen, um dann mit einer Dirne zu entfliehen? Also nach Gottes und der Menschen Gesetz ist er verdammt! Der Chor bestätigt: Verdammt ist er für alle Zeit! Das Schlimmste kommt noch, denn hier geht es um Moral. Mit Spiel und Gelagen verprasst er das Geld, welches Tigrana für zärtliche Stunden empfing. Er lebte vom Gold, das die Dirne verdiente. Schande! Fidelia kann die Anschuldigungen nicht glauben. Die Menge ist nun auf das Äußerste erbost. Fluch über ihn, Ewige Schande! Den Raben soll man den Leichnam hinwerfen! Kein echter Flame soll in Zukunft seiner mehr gedenken! Der Pöbel schickt sich an, die Rüstung vom Katafalk herabzureißen, doch Fidelia wirft sich mit ihrem Körper schützend über die Aufbahrung. Das Volk ist beeindruckt. Auch Edgar ist es. 

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14

Kernstück des dritten Aktes ist Fidelias Totenklage ‚D’ogni dolor’, die Berühmtheit erlangte, weil sie beim Begräbnis Puccinis vorgetragen wurde: „Von allen Schmerzen ist der tiefste Schmerz, denjenigen verachtet zu sehen, den man innig liebt! So wie ich auf Gottes Gnade und Erbarmen hoffe, glaube  ich auch, dass sein Herz rein ist und retten will ich seine Ehre. Da wo Edgar daheim ist, stand auch meine Wiege. Wir waren Freunde. Was tut’s, dass er fehlt! Rein war doch sein Herz, war schwer auch sein Vergehen. Seiner raschen Jugend heißen Rausch hat bitter er gebüßt mit seinem Tod. Ich will beten für ihn bis in den Morgen. In sein Heimatdorf nehme ich ihn mit! Still soll er ruhen unter dem grünen Rasen bis mich der Herrgott mit ihm in Paradieses Frieden vereint. Vor eurem toten Hauptmann beugt alle das Knie!“

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Fidelia ist die Einzige, die es wagte, ihn zu verteidigen. Sie ist ein guter Engel! Worte der Entschuldigung findet sie für ihn. Ja, sie ist wahrhaft gut, bestätigt Frank Edgars Ansicht. Die Menge zerstreut sich. Fidelia nimmt Lorbeerzweige und Blumen und streut sie über die Bahre. Sie entfernt sich dann mit dem Vater in die Kapelle.

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15

Tigrana drängt es zum Katafalk. Sie möchte den Toten beweinen und betend eine Nacht bei ihm weilen. Die Feier ist zu Ende, klagt sie, und niemand kann sie weinen sehen. Edgar glaubt nicht, dass ihre Trauer echt ist. Alles ist nur Verstellung, weil ihr ganzes Leben eine Lüge ist. Der Verunsicherte lässt kein gutes Haar an ihr. Nachdem er zuvor sich vor der Menge selbst in Frage gestellt hat, kann er es nun nicht ertragen, als einzelner ein ‚schwarzes Schaf’ zu sein und sucht nach Gesellschaft. Zu Frank sagt er, dass ihr heißes Gebet nur Heuchelei sei. In ihrer Brust starb längst das Herz. Bald wird er sehen, wie trügerisch die Tränen purzeln. Als Gesinnungskomplice beeilt Frank sich, den Unsinn Edgars zu bestätigen. Allerdings rät er, sich Gewissheit zu verschaffen und ihr Herz zu erforschen. Er will ihm dabei helfen.

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16

Nun machen die beiden Gauner sich über die Betende her. Edgar in Mönchskleidung höhnt, Tigrana soll doch das Weinen lassen. Es trübt die klaren Augen und beeinträchtigt die glatte Haut. Ihren zarten Knien, die sie grausam quält, kann der harte Kies Schaden zufügen. Die Betende fordert die beiden Andachtstörer wiederholt und nachdrücklich auf, sich zu entfernen. Nun legt Frank los, für einen Toten seien die schönen Tränen viel zu schade. Wären sie ihm gewidmet, wäre es der schönste Schmuck der Welt. Frank kramt Kriegsbeute aus seiner Tasche und dehnt ein Perlenkollier vor ihren Augen. Möchte die Holde diesen kostbaren Schmuck nicht gern besitzen? Tigrana kämpft mit der Versuchung. Edgar hat auch Wertsachen geraubt. O wie schön das funkelt! Sie beiden sauberen Freunde flüstern sich zu, dass man auf die Gier in ihrem Blick achten soll. Lang wird es nicht mehr dauern, bis sie der Versuchung erliegen wird. Ein einziges Wort von ihren holden Lippen und der Schmuck gehöre ihr! Erneut ersucht Tigrana die Missliebigen, sie allein zu lassen, denn sie will beten. Doch die Versucher lassen nicht locker. Welch herrlicher Glanz? Wie prachtvoll? Weshalb wird sie so massiv bedrängt? Welche Gegenleistung würde man von ihr erwarten? Alles soll ihr gehören, wenn sie dem wilden Hass des Mönches ihre Unterstützung bieten würde. Seltsame Worte, er spricht in Rätseln! Die beiden Ganoven ziehen noch mehr Schmuck hervor, doch die Eroberte gibt sich bescheiden. Sie möchte nur das Halsband.

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17

Die beiden Verräter sammeln den Schmuck wieder ein. Es sieht so aus, dass Tigrana Vorleistung erbringen muss. Die Trompeten werden geblasen, der Schlachtruf ertönt, Soldaten eilen herbei! Nun stellt der Mönch die Betende als Edgars ehemalige Geliebte vor, die noch einmal bezeugen wird, dass Edgar um schnöden Lohn sein Vaterland verraten habe. Tigrana wird geschubst, dass sie endlich bestätigt, was man von ihr erwartet. Vorher gibt es keine Belohnung. Edgar flüstert ihr den Wortlaut ins Ohr, den sie wiederholen soll. Es ist wahr, sein Vaterland hat Edgar verraten! Sie liebte Edgar und jetzt hasst sie ihn!

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18

Ihn treffe der Fluch. Den Leichnam für die Raben! Die Soldaten stürzen sich auf den Katafalk und müssen feststellen, dass die malerische Rüstung ausschließlich Hohlraum umschließt. Die Einzelteile scheppern zu Boden. Gran Dio! Was gibt es, fragt Edgar. Seht doch, eine leere Rüstung! Der verrückte Edgar wirft seine Mönchskutte ab und der tot geglaubte Hauptmann steht vor ihnen. Die Reaktion der Soldaten ist Unterwürfigkeit.

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19

Vater Walter und Fidelia taten der Frömmigkeit Genüge und treten in diesem Moment aus der Kapelle. Sie sieht den lieben Edgar und hat nichts Eiligeres zu tun, als in seine Arme zu stürzen. Nach einer Weile löst er sich und wendet sich Tigrana zu, die erschrocken zurückweicht. Mit ihr hat Edgar ‚ein Hühnchen zu rupfen’. Verflucht sein soll sie auf ewig, denn sie war es, die ihn zu Schmach und Schande verlockte. Um den Preis eines Halsbandes hat sie ihn schließlich noch verraten. Vor seiner Rache soll sie fliehen! Edgar versucht die Verstörte zu packen, doch diese flüchtet sich zu den Soldaten. Diese wollen sich aber beim Hauptmann einschmeicheln und stoßen die ‚verräterische Dirne’ weg. Der verrückte Edgar fühlt sich von der Sünde erlöst und kehrt zurück ins Leben. Der eitle Ruhm und der wilden Lust sagt er Arrivederci. Seine Aufmerksamkeit möchte er in Zukunft nur noch der engelsgleichen Fidelia schenken.

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20

Tigrana stellt sich das Finale des dritten Aktes anders vor. Sie schleicht sich katzenhaft an die Umarmte - das Paar ist mit geschlossenen Augen in einen Kuss versunken - heran, zückt ihren Dolch und stößt ihn der Bedauernswerten in den Rücken.

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Anmerkungen:

Wenn man dem jungen Puccini eine gewisse Schlitzohrigkeit unterstellt, kann man verstehen, weshalb er sich auf diesen grotesk anmutenden Stoff eingelassen hat. Offenbar hat ihm der dritte Akt, mit dem der Opernbesucher am wenigsten anfangen kann, Spaß gemacht. Es kommt in der Musikliteratur ansonsten auch nicht vor, dass ein Psychopath sich vor seiner eigenen Aufbahrung selbst verunglimpft. Verbessert und gefeilt wurde genug! Der Besucher muss ‚die Kröte schlucken’, es mit einem absonderlichen, trotzdem nicht schlechten, Libretto zu tun zu haben.

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Immerhin hat die Scala die Uraufführung nicht verweigert! Allein vor dem Auftritt Tigranas im ersten Akt schrillen Dissonanzen, die in späteren Werken zugunsten des melodischen Flusses nicht mehr wiederholt werden. Kann man den Erstling ‚Le Villi’ im Gesamtschaffen getrost als romantisches Vorgeplänkel betrachten, so trägt der ‚Edgar’ musikalisch bereits den Stempel der Meisterschaft. Was die Aufführungshäufigkeit und Beliebtheit anbelangt, wird der zweite Wurf wohl immer das Schlusslicht bilden. Überhaupt wäre als Titel ‚Tigrana’ die bessere Wahl gewesen.

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Musirony 2007 – Engelbert Hellen

 

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