musirony - Tamerlano
 

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Schöne Oper - gern gehört



Georg Friedrich Händel [1685-1759]

Tamerlano


 

Oper in drei Akten

HWV 18, entstanden 1724

italienisch gesungen

Libretto von Agostino Piovene
in der Überarbeitung von Nicola Francesco Haym
nach der Tragödie 'Tamerlano ou La Mort de Bajazet'
von Nicolas Pradon, entstanden 1677

Uraufführung am 11. November 1724 in London, am King's Theatre, Haymarket
 

Dauer der Handlung etwa 190 Minuten

Dokumentation auf DVD:
Live-Mitschnitt der 50. Händel-Festspiele 2001, Halle an der Saale,
Solisten: Monica Bacelli (Tamerlano), Thomas Randle (Bajazet), Graham Pushee (Andronico), Anna Bonitatibus (Irene), Elisabeth Norberg-Schulz (Asteria)
Es spielt „The English Conert“ und der Leitung von Trevor Pinnock
(Es existieren zahlreiche weitere Einspielungen auf LP. CD und DVD))

Charaktere:


Tamerlano,
Herrscher der Tartaren
Bajazet, Osmanischer Sultan
Asteria, seine Tochter, Andronico versprochen
Andronico, Griechenfürst , befreundet mit Tamerlano
Irene, Prinzessin von Trapezunt, Vasall Tamerlanos
Leone, Vertrauter Tamerlanos

Die Handlung fällt in die Regierungszeit Timur Lenks (ital. Tamerlano) von 1336-1405 und spielt in Prusa (Bursa), Bithynien (Kleinasien)



HANDLUNG


OUVERTÜRE

Erster Akt

1

Die Niederlage in der Schlacht bei Angora (Ankara) hat dem osmanischen Sultan Bajazet die Gefangenschaft eingebracht. Den Palast von Prusa (Bursa) beansprucht der Sieger für seine Hofhaltung. Im Gegensatz zur historischen Wirklichkeit behandelt er den hochmütigen Sultan gut. Andronico, der sich als Vasall im Gefolge des Tatarenfürsten befindet, lockt den Niedergedrückten, seine Scheu zu überwinden und sich zu nähern. Er darf sich im Palast, der ihm einmal gehört hat, frei bewegen! Trotzdem - seine Stimmung ist nicht die beste. Die frische Luft, die Bajazet atmen darf, hat Tamerlano ihm verordnet. Das passt ihm nicht. Er will keine Freiheit von Tamerlanos Hand, er hat die Schlacht verloren und jetzt will er nur noch sterben. Seinen Starrsinn lässt er sich nicht ausreden und bittet Andronico um seinen Dolch. Nur durch den Tod, den er sich selbst geben will, kann er seine Freiheit wiedererlangen. Hat Andronico überhaupt Mitleid mit ihm? Noch sei er Bajazet, der Blitz, auch wenn er in Gefangenschaft geriet, ist ihm sein Status nicht genommen. Er hat beschlossen, zu sterben - ob aus Vernunft oder aus Stolz - Andronico soll es nicht kümmern.

Aber was wird aus Asteria, wenn der Vater tot ist? Auch wieder wahr! Seine Tochter kann er nicht im Stich lassen. Der Grieche hat seine feste Absicht tatsächlich ins Wanken gebracht – ein zartes Gefühl hat er in ihm geweckt. Bajazet soll sich einmal vorstellen, wie verzweifelt das Mädchen sein wird, wenn es keinen Vater mehr hat, hält Andronico ihm vor. Das Schicksal ist in der Tat grausam zu ihm. Er ist gefangen und sein Feind verspottet ihn! Manchmal ist der Augenblick der Rache ganz nah und dann entflieht er wieder. Im Prinzip möchte Bajazet sterben, aber dann hält die Liebe ihn wieder zurück. Wenn die Liebe zu seiner Tochter nicht wäre, stünde er stolzer vor dem Griechen! Seine Klage, die nicht enden will, wird durch herrliche Bariton-Koloraturen ausgeschmückt. Danach geht Bajazet in ein anderes Zimmer.

2

Tamerlano, der nun seinen Auftritt hat, tauscht mit Andronico Liebenswürdigkeiten aus, um dem Opernpublikum auf diese Weise seine angenehmen Seiten vorzuführen. Es soll nicht denken, dass er ein Scheusal ist, so wie die Geschichtsbücher es möglicherweise von ihm berichten werden. Es ist schon richtig, dass er ein Eroberer ist, sonst wäre er in Bythinien nicht anwesend. Nun, er nimmt und er gibt! Dem Bajazet hat er sein Land und seinen Palast weggenommen, aber er darf bei ihm wohnen.

Andronico meint, dass man den Verzweifelten nicht aus den Augen verlieren sollte. Möge die Gefühle, die er für seine Tochter Asteria empfindet, ihn am Leben halten und möge die Liebe der Tochter zu ihrem Liebsten so groß sein, wie die kindlichen Empfindungen für zu ihrem Vater. Tamerlano ist mit seinen Gedanken woanders und geht auf dueses Thema nicht ein, sondern erklärt dem Verblüfften, dass die Griechen ihr Land soeben in seine Hände gelegt hätten, doch er gibt ihm den Thron großzügig zurück, weil dieser für ihn einfach zu unbedeutend sei. Er ernennt ihn zum Kaiser und schickt ihn in Urlaub. Er darf kommen und gehen, wann immer er will. Vielleicht führt sein Weg ihn sogar nach Byzanz?

Groß sei die Gabe und groß der Geber, aber Andronico möchte nicht Kaiser sein, sondern lieber studieren, nämlich die Kriegskunst und zwar von ihm! Tamerlano erlaubt es nicht nur, sondern er wünscht es sich sogar. Er hatte ihn falsch eingeschätzt und gedacht, er wolle einfach bloß herrschen. Mit Hilfe des Freundes wird er nun seinen Feind endgültig besiegen können. Andronico zeigt sich überrascht, er hatte nämlich gedacht, alle Feinde seien bereits zu Boden geschmettert. Unsinn, es ist nicht einmal mehr nötig, Blut zu vergießen. Es ist der Stolz, den sein Gefangener zur Schau stellt, der zur Strecke gebracht werden soll und Andronico soll ihm den Weg weisen. Im Grunde ist ihm der Hochmut des Besiegten genau so unwichtig wie sein Kummer - es ist nämlich sein eigenes Blut (Tamerlano meint die Tochter), welches die Beschäftigung mit dem Geschick seines Gefangenen in ihm bewirke. Tamerlano spricht nun Klartext; Tamerlano liebt die Tochter des Osmanen.

Himmel! Was muss Andronico hören? Andronico muss erfahren, dass er die Aufwallung seiner Gefühle ihm selbst zu verdanken habe. Er führte ihm die Bittende zu, als der stolze Mann seine Wut entfachte. Sie flehte für ihren Vater und gewann Tamerlanos Liebe. Aber was ist nun mit Irene, die doch seine Gattin werden soll? Sie wird nicht mehr seine Gattin sein, wenn Andronico will, kann er sie als Geschenk bekommen! Andronico ist immer noch sprachlos. Tamerlano hält seine Idee für eine gute Lösung. Die Belohnung für seine Dienste sei angemessen, allerdings erwarte er vom Beschenkten eine kleine Gegengabe. Er solle versuchen, die Zustimmung des Vaters für seine neue Verbindung gewinnen und das Mädchen wird den höchsten Thron besteigen. Tamerlano hofft, dass er sich auf ihn verlassen kann. Schließlich empfängt er aus seiner Hand sein Reich zurück und Irene obendrauf. Eine großartige Koloraturarie dient dem Schmuck seiner edlen Tat, die er zu vollbringen gedenkt. Frieden will er seiner stolzen Seele bringen und Zorn und Wut besänftigen. Die Schmerzen des Osmanen will er lindern, die Ketten lösen, die sein Herz mit Hass erfüllen. „Vo' ar pace a un alma altiera...“

3

Andronico, dem Asteria von Sultan Bajazet versprochen war, macht sich heftige Vorwürfe, weil er sich dumm angestellt hat. Hätte er nicht voraussehen müssen, dass der Liebreiz der Geliebten die Gier des Tataren sofort wecken würde? Doch damit nicht genug, jetzt soll er sich auch noch sein eigenes Grab schaufeln. Mit Wohltaten wird er überhäuft und gute Miene soll er zum ränkevollen Spiel machen!

Undankbarkeit kann er sich als Vasall nicht leisten, schlussfolgert der Geprellte. Die schöne Asteria soll ihm Kraft geben, wenn sein Mund seine Gedanken verraten will. Selbst wenn es den Anschein hat, dass der Liebste ihr untreu geworden ist – die Umstände  sowie Freundschaft und Vasallenpflicht fordern es, andernfalls würde es ihm schlecht ergehen. Was wird Irene zu dem Tausch sagen?

4

Asteria beklagt den unglücklichen Tag, an dem Tamerlano ihren glücklosen Vater in der Schlacht besiegte. Sie argwöhnt, dass Andronico sich nun seiner Krone zuwenden wird, die Tamerlano ihm zurückgegeben hat. Wird der gefühllose Krieger tatsächlich in sein Reich zurückkehren und sie hier in Ketten zurücklassen? Sie liebt ihn, aber was soll nun werden? Undankbarkeit ist der Welt Lohn!

Tamerlano hat Gutes im Sinn und setzt seine Gefangene von seinen edlen Absichten in Kenntnis. Nicht länger will er vor Asteria das Geheimnis verbergen, von dem ihr Schicksal abhängt. Auch über das Schicksal von Bajazet und Andronico habe er nachgedacht; sein eigenes Schicksal halte er im Auge. Alles soll nach Asterias Wünschen laufen, denn sein Zorn sei bereits verflogen. Ihrem Vater wird er die Freiheit schenken und auch den Frieden, den sein Herz braucht. Der Herrscher über alle Welt soll nun noch sich selbst besiegen, damit mache er alle glücklich. Tamerlano bemerkt die verborgene Spitze in ihren Worten nicht und erklärt, dass er bereits besiegt sei – die Liebe habe ihn in Eisen gelegt. Er habe Andronico angewiesen, ihrem Vater die Situation zu erklären. Ein einziges Wort von ihr könne das glückliche Bündnis besiegeln. Es ist wahr, er liebe nur sie. Nun ist es gesagt und das solle ihr eigentlich genügen! Doch Asteria hat Einwände: Wenn der Griechenprinz in die Sache ohnehin eingebunden sei, möchte sie ihr Schicksal auch aus seinem Munde vernehmen, bevor sie sich neu festlegt. So soll es sein! Auch Tamerlano will es so. Der Grieche kann ihm nur zum Vorteil sein. Reichlich hat er ihn im Vorfeld schon belohnt. Er bekommt sein Reich zurück und Irene zur Frau. Wie bitte? Was soll mit Irene geschehen? Ganz einfach: Andronico erhält sie zur Frau. Was sagt Andronico dazu? Gefragt wurde er nicht, aber er willigt ein. Was sonst? Tamerlano bemerkt ihr Zögern und gibt ihr entgegenkommend Zeit, seinen großen Plan zu überdenken. Strategisch soll sie folgendermaßen vorgehen. Zuerst soll sie sich den Palaver des Griechen anhören und dann den Vater überzeugen. Der eine bekommt seinen Throns zurück und die Prinzessin von Trapesonda (wie die Italiener sagen) und der andere erhält Frieden, Freiheit und sein Leben. Sie hält das Schicksal des Vaters in der Hand, schenkt einem Freund Größe und einem Sieger - das ist er selbst - Glück. Mezzo-Koloraturen leuchten dem Frieden, nachdem die Verachtung überwunden und der Kampf beendet ist. Der Opernbesucher kann nur bestätigen, dass Liebenswürdigkeit und erfolgreiche Diplomatie das einnehmende Wesen Tamerlanos in ein vorteilhaftes Licht setzen.

5

Asteria gibt sich ihrer Betrübnis hin. Sie freut sich der Gunst des Schicksals nicht und sieht die Sache völlig verdreht. Soll sie jetzt mit ihrer Liebe dafür bezahlen, dass ihr treuloser Verlobter sein Reich zurückerhält? Merkt Andronico nicht, dass er ihrem Feind und seinem Nebenbuhler ins Netz gegangen ist?

Er bemüht sich, ihre schmachvolle Hochzeit zu beschleunigen und hat alle Liebesschwüre vergessen. Wenn diese falsch waren und er sie nicht mehr liebt, soll der verruchte Betrüger ihr wenigsten ihr Herz zurückgeben. Doch wenn er es noch will, soll er es gefälligst nicht quälen. Dem Ansturm verratener Gefühle ist Andronico nicht gewachsen. Er braucht ein bisschen Zeit, um in seinem Kopf Ordnung zu schaffen.

6

Allein der Name Tamerlano entfache Bajazets Zorn und stärke seine Verachtung! Er informiert seine Tochter, dass Tamerlano durch Andronicos Mund bei ihm um ihre Hand angehalten habe. Als Preis biete er ihm Freiheit und Frieden. Der niederträchtige Tyrann, ihr gemeinsamer Feind, soll wissen, dass er es nicht einmal ertragen kann, ihm sein Leben zu verdanken. Andronico hängt flehend an Asterias Lippen, dass sie etwas sagen soll. Auch Bajazet ist enttäuscht, denn er hatte geglaubt, dass die Tochter das unverschämte Ansinnen voll Verachtung von sich weisen würde. Doch nun muss er sehen, dass von ihren Lippen kein Zeichen der Ablehnung kommt. Asteria wird zynisch. Dem stolzen Andronico sei doch ein neues Glück zuteil geworden. Er bekommt seine Krone zurück und eine neue Liebe zugewiesen. Irene sei die Auserwählte, die Tamerlano an Andronico abtritt, damit der Tatar sie bekomme. In seinem Sinn hat Tamerlano alles bestens geregelt.

7

Andronico bringt seine Enttäuschung zum Ausdruck, weil Asteria schneller bereit war, ihn abzulehnen als ihn anzuklagen. Er hatte befürchtet, dass sie mit Wonne zustimmen würde, die Gemahlin des Tatarenfürsten zu werden, Vorwürfe habe er nicht verdient und ihre Grausamkeit sei unmenschlich. Nun spricht der Vater ein Machtwort. Der Griechenprinz soll wissen, dass Asteria seine Tochter ist, und wenn er sie liebt, er dieselbe auch bekommen wird. Von allen Nebenbuhlern hält er ihn frei, am Wenigsten habe er von Tamerlano zu befürchten. Andronico soll wissen, dass selbst wenn Tamerlano ihm seine Freiheit und alle Königreiche Asiens schenken würde, es für ihn die größte Freude wäre, diesem die Hand seiner Tochter zu verweigern. Ist Bajazet sich bewusst, dass seine Weigerung ihm den Kopf kosten könnte, wirft Andronico ein. Der Freund soll sich diese Gedanken nicht machen und seinem Widersacher folgende Antwort bringen: Asterias Hand bekomme er nicht, dafür darf er sich das Leben des Vater nehmen. Ein paar passende Koloraturen bekräftigen seinen Widerstand. Asteria antwortet in gleicher Münze. Wenn sie den Verrat ihrer Liebe erleiden muss, wird sie in Zukunft darauf verzichten, überhaupt zu lieben. Sollte man ihr den Geliebten nehmen, wird sie sich die Freiheit herausnehmen, ihren Feind zu hassen. Sie wiederholt ihre Strophe so lange, bis Leone die Szene betritt.

8-9

Der turbanbekrönte Grimmbart beteuert, das er die Schrecken von Himmel und Hölle nicht fürchte, für die Tugend streite und Tamerlano hasse. Den Stolzen wird er wütend machen, einzig um Irene zu gefallen. Dem hochmütigen Herzen Tamerlanos beabsichtigt er seinen Irrtum aufzeigen. Selbst wenn es gefährlich ist, so zu sprechen, und es den barbarischen Herrscher ärgert, wird er für die Gerechtigkeit kämpfen. Irene soll es gewahr werden: Die Tugend wird ihn zu großen Taten führen.

Irene hat sich bisher noch nicht bemerkbar gemacht. Mit ihrem Leben will sie versuchen, der Niedertracht des grausamen Mannes zu begegnen, der sie verraten hat. Doch wenn der Tyrann sich weigert, sie anzuhören, soll der Himmel ihr sagen, was werden soll. Da die Antwort ausbleibt, wiederholt sie die Strophe noch einmal.

Als Vasall Tamerlanos fällt Andronico die schwere Aufgabe zu, seinen brennenden Wunsch zu verbergen, die beiden Kampfhähne aufeinander prallen zu lassen. Asteria wütet gegen ihn, weil sie ihn untreu wähnte, und verbannt ihn aus ihrer Nähe. Wurde ein Menschenherz jemals grausamer verlacht. Keine andere Frau gleicht der geliebten Asteria. Anstelle von Schmeicheleien und Liebkosungen sind bittere Leiden getreten. Armer Andronico!

Zweiter Akt:

10-11

Tamerlano bedankt sich überschwänglich bei Andronico; Asteria wird ihm gehören und das sei sein Werk.

Und was sagt der Vater dazu? Die Einwilligung wird nachgereicht. Seine Weigerung wäre vergebens, denn die Tochter habe sich ihm bereits zugeneigt. Dem lieben Andronico verdanke er sein Glück und Tamerlano bedauert, dass er ihm seine Dankbarkeit nicht deutlicher beweisen kann. Hat Der große Sieger das Mädchen überhaupt schon einmal gesehen? In diesem Augenblick bringe Zaida sie in seine Gemächer! Du liebe Güte, auch das noch, verzweifelt Andronico. Weiß der Vater davon? Was soll die dumme Fragerei? Andronico möge sich doch bitte um seine eigene Hochzeit kümmern! Diese stehe unmittelbar bevor. Irene, die er gewonnen hat, sei von Trapezunt aufgebrochen und bald zur Stelle. Tamerlano wird das Fest so ausrichten, dass die Fackeln des Glücks für beide am gleichen Tage erstrahlen. Für immer wird der Tatarenherrscher ihm zu Dank verpflichtet sein, denn beider Herzen seien miteinander verpfändet.

12

Tausend Nöte beherrschen die Seele Andronicos:

"Ach, wohin fliehst du, Angebetete?
Komm zurück und schenke meiner Seele Frieden!
Ich vergebe dir - vergib auch mir!
Doch du erhörst mein Flehen nicht
und verachtest die Leidenschaft, die mich
verzehrt. Verzweifelter Andronico, was nun?
Mit Asteria verlierst du auch dein Leben.
Ich kehre zu Bajazet zurück.
Wenn dieser stolze Mann
ihrem Zorn nicht Einhalt gebietet,
ist alle Hoffnung dahin."

Noch ein paar schöne Koloraturen aus dem Mund des Countertenors: Wenn sein Schicksal sich gegen ihn wendet und es ihm nicht mehr gelinge, seiner schönen Asteria zu gefallen, verliert er allen Mut, so dass er wie ein Steuermann, der auf seinem Weg zu fremden Ufern ist, kein Licht mehr sieht.

13

Leone befindet sich immer im Schlepptau von Irene. Das Hofzeremoniell ist zwanglos, denn dem Besucher obliegt es selbst, im vorliegenden Fall eine hochgestellte junge Dame anzukündigen. Diese bitte im Namen Irenes darum, sich dem Thron nähern zu dürfen. Die von Irene Gesandte soll kommen, dann kann sie auch gleich von seiner Absicht erfahren, dass er seinen Thron einer anderen vermacht habe. Sie brauche ihm gar nichts zu erzählen, denn er weiß ohnehin, was Irene von ihm verlangt. Die „junge hochgestellte Dame“ ist natürlich keine andere als Irene selbst. Sie verliert sogleich die Beherrschung und fragt nach, ob Tamerlano sich nicht schäme, eine Königin so zu verraten. Einer Sklavin reiche er die rechte Hand, von der er nicht einmal weiß, in welcher Absicht sie sich dem Thron nähere! Was hat Irene sonst noch zu sagen. Irene wendet sich direkt an Asteria: Die überhebliche Frau, deren Mitgift eine Eisenkette ist, soll wissen, dass der Thron, den der Undankbare ihr schenken will, bereits einer anderen gehört. Sie soll nicht vergessen, dass dieses Geschenk mit einem Treuebruch erkauft wurde. Tamerlano unterbricht Irenes Redefluss: Die Frau soll mit ihren überflüssigen Vorwürfen aufhören. Er achte in ihr ihr Geschlecht, ihre Schönheit und vor allem ihren Namen. Er weiß, dass er schuldig ist, auch ohne, dass sie es ihm klarmacht. Sie soll sich damit abfinden, dass er ihr einen anderen Thron schenken wird, der genau so schön sei, wie der eigene. Auf diesem möge sie bitte in Frieden regieren. Wenn Tamerlano ihr nicht die Hand zu reichen gedenkt, erwidert die Besucherin, wird sie so gehen, wie sie gekommen sei. Tamerlano spottet, dass sie es einrichten möge, dass Asteria ihm missfällt, danach wird er sie umarmen.

14

Asteria meldet sich zu Wort, nachdem Tamerlano den Raum verlassen hat und er für einen weiteren Disput nicht mehr zur Verfügung steht. Wer immer die Besucherin auch sein mag, die kühn im Namen Irenes spricht, sie habe überhaupt keine Ahnung, was Asteria in ihrem Herzen verborgen halte. Der Thron interessiere sie nicht im Mindesten und sie habe auch nicht die Absicht zu herrschen. Die Liebe Tamerlanos locke sie überhaupt nicht. Welche Absichten könnten also in Frage kommen? Sie soll sich mit der Antwort begnügen, dass sie Irene nicht im Wege stehen will. Aber es können nicht zwei Königinnen auf einem Thron sitzen – eine müsste zur Seite rutschen! Irene wird bald sehen, dass man sie fallen lässt und wegwerfen wird. Asteria weiß, wie man Tamerlano missfällt – Irene kann sich auf sie verlassen.

15

Irene traut der Fremden nicht und weist ihren Anbeter an, die wild entschlossene Sklavin nicht aus dem Auge zu lassen, denn diese verstelle sich nur und bewege große Pläne in ihrem Innersten. Leone freut sich, denn er kann beides unter einen Hut bringen, wenn er dem Monarchen schmeichelt, dient er auch ihr. Wenn Furcht in ihrem Herzen herrscht, kehrt kein Friede ein. Obwohl sie Asteria nicht über den Weg traut, regt sich in Irenes Brust ein Hoffnungsschimmer. Leones Haltung ist dem Opernbesucher nicht ganz klar. Wenn der Unterwürfige Irenes Absichten, den Thron zu erklimmen, unterstützt, ist sie für ihn verloren. Ein paar wirksame Bass-Koloraturen werden ihm auf den Weg gegeben: Die Liebe bringe im Wechsel Krieg und Frieden, Leid und Schmerz. Die Klagen des Einzelnen hört sie nicht, sondern erfreut sich nur an seiner Qual.

16

Tamerlano kann sich wider Erwarten nicht durchsetzen. Bajazet und Asteria sperren sich vehement gegen eine nuptiale Verbindung. Der Tatarenfürst befiehlt, Vater und Tochter von tausend Männern bewachen zu lassen. Er will ihren Verrat mit hundertfachem Tod bestrafen. Blut will er sehen! Seine Wut gedenkt er noch zu verdoppeln.

Dritter Akt:

17

Vater und Tochter wurden gefangen gesetzt. Der Vater soll seinem Kind sagen, wie es seinem Schicksal entrinnen kann! Es sei denkbar, dass der Tatarenherrscher in seiner Wut neue Gräuel ersinnt. Dazu bedürfe es der ganzen Kraft ihrer Seele, diese auszuhalten. Wenn er vom Tod reden will, soll er nur von ihrem, nicht von seinem sprechen. „Schau liebe Tochter, hier ist Gift!“ Es sei der einzige Besitz, der ihm von seinem großen Reichtum verblieben sei. Er wird es mit ihr redlich teilen. Bajazet spricht ihr Mut zu, sich im Bedarfsfall zu bedienen. Teures, willkommenes Geschenk aus der Hand des lieben Vaters! Sie küsst ihn liebevoll. Neue Weisung: Sobald Tamerlano also versuchen wird, ihr ein Leid anzutun, soll sie ein Schlückchen nehmen - noch ehe er es sich versieht, wird er eine Leiche in seinen Armen halten. Der Vater wird ihr im Tod entweder vorangehen oder nachfolgen, es hängt alles von den Umständen ab. Seinem edlen Willen wird sie sich beugen, verspricht Asteria.

18-19

Tamerlanos Wut verdoppelt sich nicht, sondern verraucht. Dem Andronico bekennt er, dass seine Liebe zu Asteria größer wird, je mehr die Stolze ihn hasse. Eigentlich sollte er sie für ihr ungebührliches Betragen bestrafen. Aber das holde Antlitz, welches ihn sogar mit Bajazet versöhnen könnte, bändigt seinen Zorn. Andronico, der den Stimmungsumschwung nicht einordnen kann, soll der Sultanstochter von ihrem Triumph berichten, dass der Thron noch frei ist. Andronico bringt den Einwand, dass die Türken den Hass auf ihre Feinde nie vergessen, und er selbst sich dieser Aufgabe auch nicht gewachsen fühle. Es sei denkbar, dass die Frau, die ihn einmal zurückgewiesen habe, auch diesen Vorschlag ablehnen könnte. Hat der Undankbare schon vergessen, dass er mit Belohnungen und Ehren überhäuft wurde? Er soll sich zu Asteria auf den Weg machen und mit ihr sprechen. Soll Tamerlano etwa glauben, dass er hinter ihrer Weigerung stehe und diese unterstütze? Andronico nimmt Asteria im Hintergrund wahr und ruft sie flehentlich beim Namen. Der Verruchte soll schweigen! Sie soll ihn nicht verdammen! Endlich will er sie als Liebender ansprechen. Was muss Tamerlano da hören?

20

Andronico fleht Asteria an, den Heiratsantrag Tamerlanos anzunehmen, aber sie soll auch zur Kenntnis nehmen, dass seine Bitte ihm das Herz bricht. Er bekennt ihr ganz ehrlich, dass er Tamerlanos Nebenbuhler sei, und dass er nur sie liebe. Seinen ganzen Mut nimmt Andronico zusammen und erklärt seinem Fürsten, dass er sein Rivale und ein großer Liebender sei. Nun hat Andronico angefangen, sich zu erklären und lässt sich das Sprechen auch nicht mehr verbieten. Der Tatar darf alle seine Reichtümer behalten, wenn sie auch noch so groß sind, er würde sie ablehnen, wenn Asteria ihm nicht mehr zürnen würde und sich besänftigen ließe.

Tamerlano gibt sich charmant: Wenn er den starken Armen des Griechenprinzen nicht so viele Heldentaten zu verdanken hätte, würde er ungestraft so nicht reden dürfen. Doch was sagt Asteria zu seinen kühnen Worten. Asteria tut kund, dass sie Andronicos Liebe erwidere, wenn auch glücklos. Dass sie ihn, Tamerlano, hasse, das weiß er und dass Andronico sie liebt, hat er soeben gehört. Ha! Die falsche Schlange wird ihren Hochmut bald bereuen. Asteria gibt zu bedenken, dass sie nun einen Kavalier hat, der sie beschützen wird. Das wird sich zeigen! Tamerlano befiehlt, den Andronico aufzuhängen und Asteria seinem niedrigsten Sklaven zur Frau zu geben. Kein Widerspruch! Oder Tamerlano lässt die Strafe sofort verhängen.

21

Bajazet, der im Palast bekanntlich frei herumlaufen darf, erscheint auf der Bildfläche. Asteria wirft sich auf die Knie: Der Zorn des gnädigen Herrn möge nur über sie kommen, aber sie hoffe, dass er den lieben Vater verschonen wird. Ihr Erzeuger will wissen, was Asteria auf den Knien zu suchen habe. Sie soll sofort aufstehen, denn niemand soll seine Tochter vor dem Feind auf dem Boden liegen sehen. Tamerlano findet es merkwürdig, dass er Dinge dulden soll, die einem Sieger nicht zuzumuten sind. Bajazet bezeichnet den östlichen Barbaren als Feigling. Andronico fleht, dass Bajazet seinen Herrn nicht reizen soll.

Bajazet soll zur Kenntnis nehmen, dass der Zorn Tamerlanos im Prinzip keine Grenzen kennt. Seltsamerweise hat sich dieser aber nicht verdoppelt, sondern ist verraucht. Drei Feinde sieht er vor sich: einen Nebenbuhler, eine Undankbare und einen Überheblichen. Er verzichtet auf Asteria, weil sie glaubt, sich sträuben zu müssen, hat ihren Undank satt und vermacht sie Andronico. In ihr soll er den Preis für seine Frechheit sehen. Wenn sie ihm noch gefällt, kann er sie in seinen Haushalt aufnehmen. Ein paar Mezzo-Koloraturen sind angebracht: Beim Anblick eines undankbaren Gesichts regt sich der Zorn und betrübt das Herz. Tamerlano will sich diesem Zustand nicht länger aussetzen und geht ab.

22

Auf Asteria regnet es vom Vater Vorwürfe. Durch diesen schmählichen Kniefall hat die Tochter alles verloren, was ihr Mut ihr je erwarb. Der Vater möge doch bitte bedenken, dass Tamerlano ihm nach dem Leben trachtete. Der alte Herr entgegnet, dass selbst, wenn er gedroht hätte, ihn zu enthaupten, keine Veranlassung bestanden hätte, schwach zu werden. Sie selbst soll einen niedrigen Sklaven heiraten, beklagt Asteria sich vorwurfsvoll. Wäre ihr kein Mittel eingefallen, dieser Strafe zu entrinnen?

Überhaupt, wie konnte Andronico diesen Schwachsinn dulden, ohne einzugreifen? Andronico führt an, dass er nur darauf bedacht war, das Mädchen bei ihrem Plan zu unterstützen. Bajazet beschimpft beide als Feiglinge. Er, Bajazet, musste Mut aufbringen für beide. Weinen und Klagen nützen nie! Mit Standfestigkeit und gerechtem Zorn besiegt man einen Tyrannen. Sie sollen ihm folgen und sehen, dass selbst in schwersten Prüfungen, Bajazets stolzes Herz groß genug ist für drei.

23

Die Angst steckt den beiden Liebenden noch in allen Knochen und der Gedanke ans Sterben hat sich noch nicht verflüchtigt. Wenn ihm der Tod willkommen sei, stirbt Asteria gern mit. „Ach, ich werde dich verlieren!", jammert sie. „Ach, ich muss dich lassen!“, stöhnt er!   Wie lange wird es dauern, bis wir uns im Jenseits wiedersehen?", fragen sich beide. Der Opernbesucher kann bezeugen, dass hier große Gefühle über die Rampe schwappen.

24

Irene tut so, als ob es von ihr abhinge, den Platz an Tamerlanos Seite wieder einzunehmen. Sie könne nicht länger grausam sein, muss zu Tamerlano zurückkehren und ihn lieben, weil es ihre Pflicht ist. Eigentlich müsste sie ihn in dem Maße, wie sie ihn liebt, hassen, wenn nicht sogar verachten. Auch Leone zeigt Weitblick und kalkuliert folgendermaßen: Wenn Irene auf den Thron gelangt, könnten auch Asteria und Andronico miteinander glücklich werden. Als Belohnung für ihre beständige Liebe sollten sich die Turbulenzen endlich legen. Offenbar genügt es ihm selbst, Irene zu Füßen zu liegen, wenn ihm der Platz auf ihrem Ruhelager verwehrt ist. Genügsamkeit passt zu seiner majestätischen Erscheinung, die durch einen mächtigen Bart und einen hohen Turban noch unterstrichen wird, gar nicht. Schuld ist der Librettist, der es versäumte, eine zusätzliche Dame für Leone in der Hinterhand zu halten, denn zwei mal drei ist nach den Gesetzen der Mathematik nun einmal sechs und nicht fünf. Den Binsenweisheiten, die Leone plappert und mit Bass-Koloraturen verbrämt, kann der Opernbesucher zwar nicht widersprechen, den Schwachsinn aber auch nicht bestätigen. „Wenn die Liebe einem treuen Herzen keinen Frieden lässt, wird der Hass triumphieren, denn reine Liebe wird belohnt, wenn aus dem Herzen jede Spur von Treulosigkeit verschwindet.“

25

Dramaturgisch gesehen wird Bajazet für den Rest der Handlung nicht mehr benötigt. Er stört nur noch und fällt deshalb in geistige Umnachtung. Doch soll das Publikum mitbekommen, welche Gedanken ihn bewegen, bevor sich in eine andere Welt verabschiedet. In die Hände der Götter, welche die Tugend schützen, empfiehlt er seine Tochter. Er selbst besitze das tödliche Mittel, sich von der Grausamkeit des Tyrannen zu befreien. Aus der Unterwelt wird er zurückkehren und Tamerlano den Rest geben. Der gnadenlose Tyrann wird nicht lange glücklich sein, denn Bajazet wird die Furien auf ihn loslassen. Es wird bereits dunkel um ihn und er fühlt den Tod in seiner Nähe. Die Furien sollen ihn nicht länger warten lassen und endlich kommen, um seinen Feind zu quälen und zu foltern. Der Barbar soll geschlagen, zerfetzt und in Stücke gerissen werden. Reptilien und Schlangen sollen an seinem Herzen fressen, weil er es so verdient hat. Selbst wenn die Furien müde sind, soll ihre Wut nicht nachlassen. Ihn selbst sollen sie in die Unterwelt mitnehmen - in das Land ewigen Hasses. Dort sollen sie ihn ausbilden, damit er selbst zur schlimmsten Furie wird.

26

Der Hassausbruch von Bajazet ist begründet. Asteria hatte versucht, das Gift. welches der Vater ihr gegeben hatte, dem Tamerlano während des gemeinschaftlichen Abendessens in den Wein zu kippen. Doch Irene hatte den Vorfall beobachtet und hinderte Tamerlano daran, den Becher zu leeren. Dann versuchte Asteria den Becher an sich zu nehmen und auszutrinken. Das Gefäß wurde ihr von Andronico aus der Hand geschlagen. Die Handlung verwirrt sich aufs Neue und Asteria sieht keinen Ausweg aus ihrer Lage. Wenn Asteria sterben muss, will Andronico auch nicht am Leben bleiben. Irene behält einen klaren Kopf. Tamerlano verdankt ihr sein Leben und ist sich nun endlich sicher, dass Irenes Treue es verdient, die Krone zu tragen. Die Liebe zu Asteria ist noch nicht ganz verschmerzt, aber der Despot überlegt, ob Asterias Verrat nicht doch hart bestraft werden sollte. Irene will Vergangenes vergessen, denn die Vorsehung bringt den Tag näher, an dem ihr grausames Geschick enden soll. Tamerlano und Irene singen ihren Text synchron, so dass das Publikum auf einen guten Ausgang hoffen darf.

27

Der Tatarenherrscher denkt nun darüber nach, ob es nicht das beste sei, der fehlgeleiteten Asteria zu verzeihen und folgt damit dem Rat Irenes. Sein sonniges Gemüt lässt ihn nicht im Stich und seine Untertanen werden die unverdiente Milde, die er nun walten lässt, positiv quittieren. Die herrliche Irene soll an seiner Seite herrschen. Dem treuen Andronico schenkt er Asteria – er soll selbst sehen, ob er mit der Giftmischerin etwas anfangen kann.

Gekrönt mit Lilien und Rosen
kommt mit der Liebe der Friede zurück.
Das Feuer des Hasses ist gelöscht
von der sanften Quelle der Liebe."

Im Licht der Fackeln erstrahlt das Angesicht der Vernunft nach einer dunklen Nacht.


***
März 2010, musirony - Engelbert Hellen



 



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