VON DEN ANFÄNGEN BIS HEUTE
DAS ORATORIUM
ANALYSE UND STELLENWERT
Von der Oper in den Schatten gestellt, ist das Oratorium eine Musikgattung, die sich in heutiger Zeit einen bescheidenen Grad an Beliebtheit mühsam erringen muss. Die Ausnahmen kann man an zehn Fingern abzählen. Es sind solche Werke, die der Erbauung dienen und geeignet sind, religiöse Vorstellungswelten zu illustrieren. Aus der Not geboren, hat diese Kunstform einen schwerwiegenden Nachteil - trotz eines häufig plausiblen Handlungsablaufes pflegt man das Oratorium nicht szenisch aufzuführen.
Der musikhistorische Hintergrund ist folgender: Die geistlichen Herren der Barockzeit untersagten, während der Fastenzeit Opern aufzuführen. Diese stellten eine Lustbarkeit dar, die dem liturgischen Kirchenjahr nicht angemessen war. Auf Musikdramen wollte die Bevölkerung aber nicht verzichten und somit schuf man etwas zur Erbauung. Was erbaut mehr, als die Religion? So griffen die Librettisten zum Alten Testament und zum Neuen und zur christlichen Mystik. Dramatische Begebenheiten der Bibel wurden nach ihren Vorstellungen ausgeweitet, umgestaltet und ausgeschmückt, damit die mehr oder weniger verehrten Komponisten etwas hatten, auf das sie sich stürzen konnten ohne den Missmut des Klerus befürchten zu müssen. Die Aufführungen fanden auch nicht im Opernhaus statt, sondern in einem Gebetshaus. Es entspricht dem lateinischen Wort Oratorium und schwappte als Gattungsname auf das Werk über.
Als erste Komposition dieser Gattung nennt die Musikgeschichte das Oratorium REPRESENTAZIONE DI ANIMA E DI CORPI (zu deutsch: Darstellung der Seele und des Körpers) des Komponisten Emilio de Cavalieri, welches im Jahre 1600 entstand.
In einem Oratorium verhält es sich in den meisten Fällen so, dass die handelnden Personen nicht selbst auftreten, sondern die Geschichte von einem oder mehreren Erzählern gesanglich vorgetragen wird - eine Aufgabe, die sie sich zuweilen mit dem Madrigalchor teilen müssen. Gleich dem antiken Drama hat der Chor die Aufgabe, das Geschehen zu kommentieren. Manchmal sind es auch Begebenheiten, musirony nennt das Beispiel von Hiobs Plagen, die eine szenische Darstellung unerquicklich oder überflüssig machen, so dass die musikalische Form des Oratoriums sich als hilfreich erweist. Als kleine Schwester ist die KANTATE dem Oratorium blutsverwandt. Vettern und Cousinen sind die BALLADE und die CHORSYMPHONY, der LIEDERZYKLUS sofern er nicht der Kammermusik zuzuordnen ist.
Bei religiösen und sakralen Themen ist es nicht geblieben. Die Moderne hat sich nachdrücklich zu Wort gemeldet und sich die Kunstgattung des Oratoriums für ein völlig anderes Formenverständnis zurechtgebogen. Es ist ein holpriger Weg von der tiefempfundenen Frömmigkeit Kaiser Leopolds I. bis hin zu Carl Orffs ketzerischem Weltuntergangsdrama.
ENGELBERT