musirony - Pulcinella
 

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Zauber des Balletts

Igor Strawinsky [1882-1971]

Pulcinella


Ballett mit Gesang in einem Akt

komponiert 1919/20

Libretto von Serge Diaghilew und Léonide Massine
nach Giambattista Pergolesi, Domenico Gallo und Alessandro Parisotti

Dauer der Aufführung etwa 30 Minuten

Uraufführung
am 15.
Mai 1920, Opéra Paris, Dirigent: Ernest Ansermet        

Choreographie: Léonide Massine
Ausstattung: Pablo Picasso

Ausführende: Massine - Karsawina - Tschernitzschewa - Nemtschinowa - Zwerew - Cecchetti - Kostetsky

Personen:
Pulcinella, Liebling der Napolitaner
Pimpinella, von Pulcinella angebetet
Coviello, Kavalier und Prudenza zugetan
Prudenza, Tochter Tartaglias
Florindo, Kavalier und Rosetta zugetan
Rosetta, Tochter des Dottore
Dottore, Vaterfigur
Tartaglia, Vaterfigur
Furbo, Pulcinellas treuer Freund

Das Geschehen spielt in Neapel, etwa 18. Jahrhundert



Vokaleinlagen und Tempi:

     1. Ouvertüre
     2. Serenata  (Tenor: Mentre l’erbetta)
     3. Scherzino -  Allegro – Andantino – Allegro
     4. Allegro assai (Soprano: Contento vorse vivere)
     5. Allegro Assai
     6. Allegro alla breve (Bass: Con queste paroline)
     7. Largo (Terzetto: Sento dire no’ ncè pace)
     8. Presto (Tenor: Chi disse cà la femmena)
     9. Allegro (Soprano und Tenor: Ncè sta quaccuna po’)
    10. Presto (Tenor: Una te fa la ‘nzemprece)
    11. Larghetto
    12. Allegro alla breve
    13. Allegro moderato: Tarantella
    14. Andantino (Soprano: Se tu m’ami)
    15. Toccata
    16, Allegro moderato, Gavotta: allegretto, allegro
    17. Vivo
    18. Minuet (Terzetto: Pupillette Fiamette)
    19, Finale: Allegro assai



HANDLUNG
 

Die beiden Kavaliere Coviello und Florindo befinden sich auf Freiersfüßen und machen den Damen Prudenza und Rosetta den Hof. Das geschieht in der Weise, dass sie zum Fenster der Angebeteten hochblicken und zur Begleitung der Mandoline eine Serenade anstimmen. Ihre Stimmen klingen in den Ohren der Umworbenen misstönend und die Saiteninstrument sind schlecht gestimmt, so dass statt Zuneigung Spott auf die Hoffnungsvollen nieder prasselt. Schließlich geben die beiden Damen, deren Vaterhäuser sich auf einem schmucken Platz in Neapel gegenüberstehen, sich ein Zeichen und vertreiben die Musikanten mit einem kräftigen Guss aus der Blumengießkanne. Mit einem Knüppel in der Hand stürzt der Dottore aus dem Haus, um die ungebetenen Liebhaber endgültig in die Flucht zu schlagen.

Pulcinella, der Liebling von Neapel, hat mehr Erfolg. Aus seinem weiten Gewand zieht er eine Fiedel hervor, bearbeitet mit seinem Bogen die Saiten und beginnt wie wild zu tanzen. Der Bursche hat Temperament. Prudenza fühlt sich angezogen, nähert sich auf Zehenspitzen und möchte Pulcinella umarmen. Doch dieser will überraschenderweise von ihr gar nichts wissen und erklärt, dass sein Herz einer anderen gehöre. Er reißt ihr die Haube vom Kopf und wirft sie ins Haus, damit sie versteht, dass sie dorthin verschwinden soll. Es ist das Startzeichen für Rosetta, nun ihrerseits ihr Glück zu versuchen. Sie nähert sich und erntet immerhin einen flüchtigen Kuss, wird dann aber weggeschoben.

Pimpinella, die ewig Gekränkte, hat die Szene mitbekommen und ihre Eifersucht entlädt sich. Es ist nun an Pulcinella mit Gesten der Ergebenheit, Verzeihung zu erflehen, die schließlich auch gewährt wird. Beide versöhnen sich. Doch Coviello und Florindo stürzen aus ihren Verstecken und verprügeln aus Mutwillen und Eifersucht den armen Pulcinella, der um Hilfe zetert. Die beiden abgewiesenen Damen haben die erteilte Abfuhr verziehen. Sie offenbaren ein gutes Herz und kommen herbei, den Geschundenen zu trösten. Ihre Hilfsbereitschaft ist nicht ohne Hintergedanken, denn jede möchte den hübschen Luftikus für sich allein besitzen. Die Väter, Tartaglia und der Dottore kommen aus dem Haus gestürzt, um die Töchter zur Vernunft zur bringen. Pulcinella selbst, bis zum Umfallen erschöpft, muss die aufgebrachte Pimpinella beruhigen.

Die beiden Ganoven kehren zurück und traktieren den erfolgreicheren Rivalen mit dem Degen erneut, so dass dieser ins Stolpern gerät und hinfällt. Er stellt sich tot, damit die beiden Angreifer von ihm ablassen. Diese verschwinden erst einmal bis die Luft wieder rein ist.

Ein Täuschungsmanöver ergibt wenig Sinn, wenn es nicht von Dauer ist. Es ist Turbo, der sich eine List ausgedacht hat, um seinem Freund Pulcinella in der Not beizustehen. Von vier kleinen Pulcinellas wird der Leichnam von Furbo, der wie Pulcinella gekleidet ist, auf den Fußboden gelegt. Der Dottore fühlt den Puls und erklärt aus praktischen Erwägungen, dass Pulcinella – gemeint ist natürlich Furbo – tatsächlich tot ist. Unsere drei Freundinnen weinen herzzerreißend um den abrupt auf ewig Davongegangenen, die vier kleinen Pulcinellas weinen aus Sympathie mit. Pulcinella tritt im Gewand eines Zauberers auf und erweckt den Toten wieder zum Leben. Auf einmal tauchen noch zwei Pulcinellas auf. Es sind Coviello und Florindo, die sich in dieser Verkleidung größere Chancen ausrechnen. Der Ballettbesucher weiß nun bald nicht mehr, wer von den Tänzern eigentlich der echte Pulcinella ist. Am wenigsten durchschaut Pimpinella das Theater. Der Zauberer wirft schließlich den Mantel ab und alle wissen, dass er der Unverwechselbare ist. Turbo, von den Toten auferstanden, legt sich den Umhang des Zauberers um und nimmt die Situation in die Hand. Er legt fest, welcher Pulcinella zu welcher Dame gehört. Coviello bekommt Prudenza, Florindo erhält Rosetta, der richtige Pulcinella hat seiner Pimpinella treu zu sein und damit basta!


Anmerkungen:

Sergej Diaghilew hatte in der Nationalbibliothek von Neapel ein unveröffentlichtes Manuskript des achtzehnten Jahrhunderts entdeckt, welches den Titel „I quattro Pulcinella“ trug und sich inhaltlich an die „Commedia dell’arte“ anlehnte. In seinem Kopf wuchs die Idee, aus dem Material ein Ballett zu produzieren und Igor Strawinsky die Komposition anzutragen. Léonide Massine war für die Choreographie vorgesehen und Pablo Picasso sollte für die Ausstattung sorgen. Der heftige Streit, den die Beteiligten hatten uferte aus und ist historisch verbürgt. Man wollte das beste Resultat abliefern, aber jeder hatte dazu andere Vorstellungen.

Diaghilew gefielen die Entwürfe Picassos überhaupt nicht, Massine musste sein Konzept ändern, weil die Musik Strawinskys nur in Kammerbesetzung konzipiert war. Strawinsky wusste anfangs mit Pergolesi nicht allzuviel anzufangen, weil er zu wenig von dem Barockmeister kannte. Schließlich einigte man sich unter Zugeständnissen auf ein gemeinsames Konzept und das Resultat wurde ein großer Wurf.

***
musirony 2006 - Engelbert Hellen

 

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