musirony - Die unsichtbare Stadt Kitesh - Part II
 

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Schöne Oper - gern gehört


Der See von Svetlojar


Nikolai Rimsky-Korssakow [1844-1908]

Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch

und der Jungfrau Fewronia

*

Skazanije o nevidimon grade Kitesche i dewe Fevronii

The Legend of the Invisible City of Kitezh and the Maiden Fevroniya

La Légende de la ville invisible de Kitège et la vierge Févronia


 
 

Oper in vier Akten und sechs Bildern

Libretto von Iwan Belski
nach Motiven einer russischen Legende


in russischer Sprache

Uraufführung am 20. Februar 1907 in St. Petersburg am Mariinskij-Theater




HANDLUNG (Fortsetzung von Blatt 1)



Dritter Akt

Erstes Bild:

Auf der Treppe vor dem Portal der Himmelfahrtskirche von Groß-Kitesch stehen von Kriegsgefolge umringt Fürst Juri und sein Sohn Wsewolod. Alle warten voller Spannung auf die Nachricht, die der Bote ihnen bringen wird. Fjodor Pojarok erscheint in Begleitung eines Knaben, der ihn an der Hand führt, denn die Tataren haben ihn geblendet. Sein Report klingt vernichtend.

Klein-Kitesch wurde dem Erdboden gleich gemacht. Die feindlichen Krieger entquollen einer Erdspalte, die sich plötzlich auftat, und waren so fürchterlich, wie es sich niemand vorstellen kann. Ob es sich um Menschen oder Teufel handelte, war nicht einwandfrei auszumachen, denn die fremden Wesen waren ganz in Stahl geschmiedet. Wie viele es waren, kann Pojarok nicht sagen, denn beim Knirschen ihrer Wagen und dem Wiehern ihrer feurigen Rösser konnte man sich kaum verständigen. Der Dampf aus den Nüstern der Pferde verdunkelte die Sonne. Die Anführer suchten im Städtchen nach dem Fürsten Juri und quälten die Menschen grausam, damit sie seinen Aufenthaltsort verraten.

Der Opernchor bittet die liebe Mutter Erde, ihr zu sagen, womit die Kinder der kleinen Schwester das große Unglück verdient haben! Der arme Blinde soll nicht zögern und alles der Reihe nach genau zu erzählen. Wenn Klein-Kitesch kampflos gefallen ist, wird Gott die Hauptstadt, welche versteckt an einem kleinen See liegt, gewiss beschützen. Pojarok glaubt daran nicht, denn unter dem Volk gab es einen Verräter, der die furchtbaren Feinde herführen wird. Was ist mit der Fürstin, will Wsewolod wissen? Lebt sie? Es wäre besser, sie wäre tot, denn sie ist es, welche Batu-Khan den Weg hierher zeigen wird. Pojarok bittet, ihr zu vergeben, denn das arme Kind habe keine Ahnung, was es angerichtet hat. Wsewolod bedeckt sein Gesicht verzweifelt mit den Händen, denn er kann nicht glauben, was sein Freund über Fewronia berichtet. Das Opernpublikum glaubt es auch nicht und ist auf der richtigen Fährte, wenn es in Grischka Kuterma den Verräter sieht.

Ihn selbst, berichtet Pojarok weiter, haben die Tataren furchtbar verhöhnt und ihn an der Hand des Knaben hergeschickt, damit der Fürst Nachricht erhalte, dass das Heer des Batu-Khan kommen werde, um die Hauptstadt zu plündern und vollkommen zu verwüsten. Die starken Mauern sollen geschleift und die Kirchen niedergebrannt. werden. Die kräftigen Burschen wollen die fremden Krieger in Scharen und die schönen Mädchen in Schwärmen mitnehmen. Alles andere wird gemetzelt. Dem christlichen Gott werden die Gefangenen abschwören und dem heidnischen Kult folgen!

Das Herz der Versammelten ist schwer, denn großes Unheil hat Gott zur Bestrafung ihrer Sünden vorgesehen. Nun ist es an Fürst Juri, zur Situation etwas zu sagen: Ruhm sei eitel und Reichtum ebenfalls! Aller Leben sei von kurzer Dauer; die Stunden werden verfliegen und schon bald werden die Menschen in Kiefernsärgen liegen. Wie sich das gehört, fliegt die Seele vor Gottes Thron und wartet dort auf das jüngste Gericht. Die Knochen werden der Erde vermacht und das Fleisch dient den Würmern zum Fraß. Dem König wird ganz wehmütig ums Herz, wenn er daran denkt, in wessen Hände der Reichtum, den er angehäuft hat, fällt. Inmitten dichter dunkler Wälder hat er die unvergleichliche Schönheit seiner Hauptstadt aufgebaut und in törichtem Hochmut glaubte er, die Stadt würde ewig bestehen. Sie sollte ein stiller friedlicher Zufluchtsort für alle Leidenden, Ruhelosen und Suchenden werden. Im Angesicht drohender Gefahr fragt der König verzweifelt, wo sie jungen Helden zu finden sind. Zum dem Knaben an der Seite Pojaroks sagt der König: „Kleiner Knabe, du bist der Jüngste von allen, steig doch hinauf zur Kirchturmspitze, halte nach allen vier Richtungen Ausschau, ob Gott uns nicht ein Zeichen gibt.“ Alle beten zur Himmelskönigin, der heiligen Beschützerin von Kitesch, dass die Stadt ihrer Gnade teilhaftig werden.

Als der Knabe an der Kirchturmspitze angekommen ist, ruft  er hinunter, dass er am Himmel eine große Staubwolke aufsteigen sieht und das gleißende Licht beginnt, sich zu verdunkeln. Altklug berichtet er von heransprengenden Tatarenrössern. Ein großes Heer naht und die Banner flattern im Wind. Stählerne Rüstungen und Schwerter blitzen im Sonnenlicht. Klein-Kitesch sieht er brennen. Die Flammen lodern und die Funken fliegen. Der Himmel selbst hat Feuer gefangen. Aus dem Tor strömt ein Fluss, der aus dem Blut unschuldiger Menschen gespeist wird. Schwarze Raben schweben in der Luft und berauschen sich an dem warmen Blut.

Fürst Juri stellt fest, dass Gottes Macht fürchterlich ist. Wahrscheinlich sei die Stadt nun dem Untergang geweiht. Die Freunde sollen ihre Gebete zur himmlischen Beschützerin von Kitesh vervielfältigen und mehr Inbrunst hineinlegen. Blutige Tränen sind am wirkungsvollsten! Jawohl, wiederholt Wsewolod, die herrliche Himmelskönigin soll alle in ihre Obhut nehmen und einen Rettungsengel vorbeischicken. Alle fallen auf die Knie und sehnsüchtige Gebete steigen zum Himmel auf.

Sollte allerdings der Wille Gottes tatsächlich geschehen, wird die Stadt vom Antlitz der Erde verschwinden. Doch dann bekommt Wsewolod einen Energieanfall. Sein treues Gefolge soll ihm sagen, ob es mit den Frauen sterben will. Will es sich hinter Mauern verkriechen, ohne dem Gegner ins Gesicht gesehen zu haben? Der Prinz schlägt vor, dem Feind gemeinsam entgegenzuziehen, um für die russische Bevölkerung den christlichen Glauben zu retten. Mutig wollen die Gefährten ihm folgen. Der König gibt die Erlaubnis und rechnet damit, dass alle ehrenvoll sterben und Gott sie in die Schar der Märtyrer aufnehmen wird. Singend ziehen die jungen Krieger aus der Stadt. Doch Todesahnung umklammert die kampfbereite Schar. Für die tödliche Schlacht, die sie nicht gewinnen können, sind sie bereit. Lebe wohl du liebes Heimatdorf! Der Tod im Kampf ist ihnen beschieden! Die Familie soll nicht weinen!

Die Bühnentechniker und Beleuchter sind nun gefragt, denn die Regieanweisung diktiert: Ein heller, golden schimmernder Nebel senkt sich vom dunklen Himmel herab – erst klar und durchscheinend, dann dichter und dichter. Die Kirchenglocken fangen von selbst an zu läuten, als ob die Engel des Herrn ihnen Schwung geben würden. Visionär nehmen die Menschen in der Stadt es wahr. Nebel verbreiten sich, als ob Weihrauch aus dem Himmel herabsinkt. Wundervoll! Die Stadt hat sich in ein lichtes Gewand gekleidet. Man überlegt, gemeinsam in die große Kathedrale zu ziehen, um dort die Dornenkrone des Herrn in Empfang zu nehmen. In der Tat, Gott, der Herr, hüllt Kitesch in einen Schleier. Ein Gefühl der Freude kommt auf. Ein Wolkenvorhang senkt sich hernieder und trennt den Opernbesucher vom unauffälligen Verschwinden der Stadt im See.

DAS ORCHESTRALE ZWISCHENSPIEL MARKIERT DIE SCHLACHT VON KERSHENEZ.




Zweites Bild:
 

Mitten in der Nacht sind Burundai und Bednai mit ihrem Kriegsvolk am See Helle Jar angelangt. Die Hauptstadt – so erklärt Kuterma – liege am gegenüberliegenden Ufer des Gewässers. Die Tataren schimpfen ihn einen Lügner, denn es fehlen alle Merkmale einer bewohnten Gegend. Diese zeigt die Vegetation hauptsächlich als Krüppelwuchs – von einer mit Schätzen überladenen Hauptstadt ist nichts zu sehen. Das unaufhörliche Läuten von Kirchenglocken kündet jedoch Gegenteiliges und irritiert gewaltig.

Die ankommenden Tataren sammeln sich auf einer Lichtung und stellen dort die Fuhrwerke ab, die zum Aufladen der Beute gedacht sind. Das Kriegsvolk tadelt die schlechten Zufahrtswege. Verflucht sei das Land, denn es gibt keine passierbaren Straßen und umgestürzte Bäume versperren die schmalen Pfade. Ihre Steppenpferde seien eine freie Landschaft gewohnt. Hier stolpern sie ständig über Baumwurzeln und verlaufen sich im Gestrüpp. In den stickigen Sümpfen bekommen die tapferen Krieger Atembeschwerden und die vielen Mücken nehmen keine Rücksicht. Verflucht sei Russland!

Bis zum hellen Morgen will man noch warten, doch wenn der Verräter sie auf die falsche Fährte gelockt hat, wird es ihm schlecht ergehen. Vorläufig wird er an einen Baum gebunden. Kuterma befindet sich in tausend Nöten, denn nach getaner Arbeit will man ihm in jedem Fall den Kopf abschlagen, weil er an seinem Fürsten nicht anständig gehandelt habe. Schade sei es um den todesmutigen Russen, denn obwohl er aus vierzig Wunden blutete, kämpfte er weiter bis zum Tod.

Sollte der Säufer sie vorsätzlich getäuscht haben, werden seine Qualen grausam sein. Man zündet die Lagerfeuer an und verteilt die Beute aus Klein-Kitesch an die verschiedenen Einheiten. Die Weinfässer werden geöffnet und die kunstvollen liturgischen Gefäße dienen als Trinkbecher. Dem Opernchor, der auch am Lagerfeuer sitzt und mitbechert, ist ganz poetisch zu Mute. Man gedenkt des tapferen Fürsten Wsewolod. Die kunsthandwerklichen Arbeiten, die er bei sich hatte, gelangen zur Verteilung. Das Kostbarste ist der goldene Helm, den er auf dem Kopf trug, dann kommt das juwelenbesetzte Kreuz, welches an einem Kettchen befestigt, seinen Hals schmückte. Das silberne Schwert, das an seiner Seite baumelte, ist vorzüglich geschmiedet. Doch das Allerkostbarste, das sie gefangen haben, ist eine holde Jungfrau. Zurzeit gibt sie sich betrübt: Sie trinkt nicht, sie isst nicht, sie grämt sich und zerfließt in den Tränen ihres Herzens.

Um das Mädchen geraten Burundai und Bednai in Streit. Jeder beansprucht sie für sich. Der Erstgenannte führt an, weil er sie zuerst gesehen habe, müsse sie ihm auch zufallen. Man solle doch das Mädchen selbst fragen, wen von beiden es vorzieht. So weit sollte es eigentlich nicht kommen, dass man sich vor seiner Beute verneigt, erwidert der andere. Burundai schmeichelt dem schönen Mädchen, dass es nicht weinen soll, denn er selbst wird es in die Goldene Horde einführen, sie zu seiner Frau machen und sie in ein prächtiges Zelt setzen. Bednai spottet in gleichem Tonfall, dass Fewronia nicht weinen soll, denn er wird sie zu seiner Sklavin machen und sie mit der Reitpeitsche züchtigen. Gibt Bednai das Mädchen ihm, so ist er sein Freund, andernfalls sein Feind. „Gut, so nimm das!“Burundai erschlägt mit seinem Beil den Kumpan. Die anderen sind bereits viel zu betrunken, um wahrzunehmen, was passiert ist. Sie blicken kurz auf und fahren mit der Verteilung der Beute fort. Der Opernchor kommentiert: „Nicht hungrige Raben flogen herbei, sondern tatarische Fürsten haben sich versammelt, sich ringsum hingesetzt, um die Beute aufzuteilen!“

Burundai führt die Gefangene zu seinem Lager, legt sich selbst auf einen Teppich zu ihren Füßen und entwickelt, dass sein Gottesglaube unkompliziert sei, man sich weder bekreuzigen noch verbeugen, müsse. Von ihm wird sie eine Menge Gold kriegen, sobald sie ihn erhört. Das kleine Waldvögelchen soll keine Scheu haben und näher kommen. Von sich aus kann er nicht zu ihr hinüberrutschen, denn dazu sei er zu betrunken.

Endlich findet Fewronia Zeit, sich ihrer Klage hinzugeben, damit das Theaterpublikum über ihren Seelenzustand auf dem Laufenden bleibt: „Ach, mein lieber Bräutigam, meine einzige Hoffnung! Einsam liegst du unterm Weidenbaum, unbeweint und unbeklagt. Ungewaschen liegst du in deinem Blut! Wüsste ich, wo ich dich finden kann, würde ich mit meinen Tränen deinen Körper waschen, mit meinem Blut dich wärmen und mit meinem Atem dich neu beleben. Ach, du feuriges Herz! Von deinen Wurzeln hast du dich losgerissen und dein rotes Blut vergossen. Wie soll ich dich wieder zum Anwachsen bringen?“

Zu allem Überfluss hat Fewronia jetzt auch noch Kuterma auf dem Hals, der an einen Baum gebunden, sich verbal bemerkbar macht. Die Jungfrau soll den Verfluchten nicht verachten, sondern näher kommen. Der Tod sei eine schreckliche Instanz, seine Seelenqual noch schlimmer. Unerträglich dagegen sei das Glockengebimmel, welches zur falschen Zeit ertöne und nicht aufhören will. Fewronia soll Mitleid mit ihm haben und ihm die Mütze ein wenig über die Ohren ziehen, damit er das Läuten nicht hören muss und Gram und Schmerz entkommen kann. Das unerwünschte Läuten hört nicht auf, es dröhnt weiter und er kann sich nicht vor ihm verstecken. Die liebste Fürstin soll die strammen Fesseln doch bitte lösen, damit er vor der Folter der Tataren fliehen kann. Er will in den dunklen Wald laufen, sich wie ein Einsiedler den Bart bis zum Gürtel wachen lassen und sich dann daran machen, durch Gebete seine arme Seele zu retten. Was denkt er sich eigentlich dabei? Wenn sie seinem Drängen nachgibt, werden die Tataren sie hinrichten. Wozu will sie ihr Leben schonen? Alles was sie hatte, hat sie verloren. Von den Leuten des Fürsten sind wohl keine zehn mehr am Leben. Gott möge verhüten, dass es noch einen gibt – er wird ihn sofort erschlagen, bevor es ihn selbst erwischt. Was sind das für merkwürdige Worte? Grischka gesteht nun, dass er es war, der die Tataren geführt habe, aber sie habe er als Verräterin verleumdet. Ist das nicht schrecklich! Ist Grischka etwa der Antichrist? Wo denkt das Mädchen hin? Eine solche Rolle sei für ihn viel zu groß. Er sei nur ein einfacher gemeiner Trunkenbold. Von dieser Sorte gibt es viele auf dieser Welt. Der Ärmste soll über sein bitteres Schicksal nicht klagen, in ihm liegt das große göttliche Geheimnis. Macht es ihn denn nicht glücklich, wenn wenigstens andere in Zufriedenheit leben? Die liebe kleine Fürstin sieht die Welt vollkommen falsch. Unsere Augen seien von Natur aus neidisch und die Hände gierig. Auf fremdes Glück sei niemand erpicht und man wünsche dem Nächsten alles Schlimme. Dem Pech im Leben schließt sich qualvolles Sterben an. Ach, der arme Verbitterte kennt wirklich keine Freude! Bis jetzt weiß er nicht einmal was Freude ist, antwortet Grischka, aber wenn die liebe Fürstin ihm die unbequemen Fesseln löst, wird er sie sicherlich kennenlernen. Nun gut, ihre bescheidene Person soll das Hindernis nicht sein, wenn er keine Freude empfindet. Er kann froh sein, dass sie keine Todesqualen fürchtet. Für ihren Henker wird sie sogar beten! Auch er soll nicht vergessen zu bereuen. Sie habe kein Messer dabei. Womit soll sie die Fußfesseln zerschneiden? Bei dem grauhaarigen Tataren unter dem Busch schaut ein Krummdolch aus dem Gürtel hervor. Diesen kann sie nehmen! „Komm her, meine Schöne“ sagt dieser und will sie umarmen. Fewronia kann ihn wegschieben und eilt zu Grischka, um ihn loszuschneiden. Dieser freut sich, dass er frei ist. Jetzt soll ihm Gott noch flinke Füßchen geben, damit er entwischen kann. Das zornige Läuten der Glocken, jagt unserem Grischka entsetzliche Angst ins Herz. Die Erde beginnt zu beben. Der Flüchtende strauchelt, fällt auf das Gesicht und bleibt ein Weilchen liegen. Vor den Qualen der Hölle gibt es kein Entrinnen. Er erwägt, sich kopfüber in den See zu stürzen, um mit den finsteren Teufeln zu leben und nachts Bocksprünge mit ihnen zu vollführen. Die ersten Sonnenstrahlen berühren die Oberfläche des Jar. Kuterma reißt entsetzt die Augen auf. Im tiefen See leuchten die Kuppeln der Stadt Groß-Kitesch und das gegenüberliegende Ufer ist leer. Der Gebeutelte verliert nun den Verstand!

Der Opernchor fragt: „Wer schreit und heult da wie ein Wilder, weckt die Tataren auf am frühen Morgen? Haben sich etwa Feinde angeschlichen?“ Den Tataren versucht der Opernchor klar zu machen, dass ein unbegreifliches Wunder geschehen ist. Sie sollen aufwachen, selbst schauen und staunen! Spiegelverkehrt und unter dem Leuten der Kirchenglocken stilvoll versenkt betrachten die Steppenkrieger für einen Moment den Zauberspuk tief im Wasser des Jar-Sees. Ihr Lager zurücklassend, rennen sie um ihr Leben fürchtend, schleunigst in alle Richtungen davon. Fürchterlich ist der Gott der Russen!

Vierter Akt

Erstes Bild:

Fewronia und Grischka bahnen sich einen Weg durch den undurchdringlichen Wald von Kershenez. Ihr Kleid ist zerrissen. Entkräftet und erschöpft setzt sie sich auf einen Baumstumpf. Kuterma meint, dass die Jahreszeit für ihren Spaziergang schlecht gewählt sei, denn die Fliegenpilze schießen bereits aus dem Boden. Sie habe sich auf den Baumstumpf gesetzt, klagt er, während für ihn nur der Ameisenhaufen übrig bleibt. Der Teufel sei schon ein kleiner Schelm. In seinem fortschreitenden Wahnsinn beschuldigt Kuterma seine unauffällige Begleiterin, stolz geworden zu sein und die kleine Fürstin habe ihn nicht erkannt, als sie neben dem Fürsten an der gedeckten Tafel saß. Gemeinsam zogen sie bettelnd durch die Welt. Sie möge doch den Armen und Verwaisten ein Krümelchen geben. Er selbst möchte einen Löffel Suppe schlürfen. Ein paar winzige Oblaten soll sie ihm doch wenigstens gönnen! Hat er die Beeren, die sie gefunden hat, schon alle aufgegessen? Der Teufel habe die Waldfrüchte gegessen und seine Seele auch! Tatsächlich sei ihnen ein großes Glück widerfahren, als es ihnen gelang, in das Schlafzimmer des Fürsten einzudringen. Nur schade, dass die Fürstin Froschschenkel hat. Kuterma lacht und Fewronia betet, dass Gott dem Verwirrten ein bisschen Liebe schicken soll, damit er wenigstens Tränen der Rührung produzieren kann. Zu Gott möchte Kuterma keinesfalls beten, sondern zur Mutter Erde, und Fewronia soll ihm beibringen, wie man das macht. Diese gibt sich redlich Mühe, aber Grischka hört ihr nur widerwillig zu. Die schwarze Erde sei verkrustet und nur Tränen können sie aufweichen. Plötzlich hat Kuterma die Vision, dass der Teufel neben Fewronia sitzt. Mit wildem Geheul stürzt er in den Wald und ward nicht mehr gesehen. Das Publikum reagiert mit einem Seufzer der Erleichterung.

Muttterseelenallein, greift wohltuender Wahnsinn nun auch nach Fewronia. In einem endlosen Monolog erzählt sie dem Opernbesucher, wie der Wald sich in eine überirdisch schöne Landschaft verwandelt hat. Der Paradiesvogel Alkonost kündet ihr den Tod. Sie sieht wunderschöne Blumen in unvergänglicher überirdischer Pracht. Nun erfasst auch den Librettisten der religiöse Wahnsinn und er verbrämt seinen Report reichhaltig mit theologischem Unsinn.

Fewronia macht jetzt ihre Nahtoderfahrungen. In verklärtem Zustand erfreut die Erscheinung des Geliebten ihr Herz. Freudestrahlend eilt sie auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Die blutenden Wunden sind verheilt und die alte Frische ist wieder hergestellt. Die liebliche Braut - die zärtliche Taube - wird er nun nicht mehr verlassen. Überirdische Heiterkeit glänzt aus seinem Auge.

Hinter der Bühne ertönt die Stimme des anderen Paradiesvogels - von dieser Sorte gibt es nämlich zwei. Der Bräutigam sei gekommen. Weshalb zögert Fewronia? Das Festmahl ist vorbereitet. Fewronia kann es nicht glauben und fragt sicherheitshalber, ob die Stimme von einem Menschen oder von einem weisen Vogel komme. Die Erwartungsvolle ist der Wahrheit nahe gekommen. Sirin, der andere Paradiesvogel, hat sich vorgestellt und singt nun vom ewigen Leben. Als himmlische Wohnung hat er für die Liebenden die versunkene Stadt Kitesch ausgewählt. Während das Pärchen sich händchenhaltend auf den Weg macht, ertönt ein

SYMPHONISCHES ZWISCHENSPIEL
 


und leitet über zum
letzten Bild.


Das Ende der Zeiten sei gekommen und die Ewigkeit habe begonnen, zwitschern die beiden schrägen Paradiesvögel. Kitesch ist in alter Pracht auferstanden und die gestorbenen Bewohner sind wieder lebendig geworden. Das Paradies hat sich geöffnet. Einhorn und Löwe bewachen den Fürstenpalast. Alle verneigen sich vor Wsewolod und Fewronia. Der Hochzeitschor singt sein fröhliches Lied zu Ende, welches anlässlich des Tatarenüberfalls abgebrochen werden musste:

Wie über lasurblaue Blüten,
wie über immergrüne Gräser
die klare Wolke schwebt,
so geht die Braut zum Bräutigam.

Spielt, ihr Gusli!
Spielt, ihr Schalmeien!“

Eine ausführliche Beschreibung des Paradieses lässt der Librettist sich nicht nehmen. Doch plötzlich kommt der Fürstin Fewronia der arme Grischka in den Sinn. Sie schickt Pojarok los, um ihm eine Grußbotschaft zu übermitteln.

Anmerkung:

Von Städten, die im Wasser versinken, wäre neben Kitesch noch Atlantis zu erwähnen. Es sind unterschiedliche Ursachen, die das Abtauchen bewirken. Atlantis wird infolge vulkanischer Kräfte durch ein Seebeben zerstört, weil die Bewohner der Stadt im Übermaß frevelten und für begangene Schuld bestraft werden sollen. Das Absinken erfolgt völlig unpoetisch als Resultat vulkanischer Eruptionen. Unter ganz anderen Ursachen verschwindet Groß-Kitesch vom Erdboden: Auf die Fürbitte einer Jungfrau versinkt die Stadt im See, damit sie vor den mörderischen Folgen eines Tatarenüberfalls bewahrt bleibt. Sanfte Nebelschwaden und das Läuten aller Kirchenglocken begleiten das stilvolle Absinken in dunkler Nacht.

Diese stimmungsvolle russische Legende kleidet Nikolai Rimski-Korssakow in eine hinreißende Musik, die der Mystik des Geschehens angemessen ist. Nur sehr selten wird die Oper aufgeführt, obwohl viele Musikwissenschaftler in ihr den Höhepunkt im Schaffen des Komponisten sehen. Im Stellenwert und im pseudo-religiösen Gehalt vergleicht man „Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronia“ mit Richard Wagners Parzival. Mit feiner Ironie und ohne zu verletzen, behandelt der Librettist Wladimir Belski jene Passagen, welche die Volksfrömmigkeit der Russen vergangener Zeiten unterstreichen. Im völlig durchgeistigt anmutenden Finale verarbeitet Belski pseudo-wissenschaftliche Forschungsergebnisse von Nahtoderfahrungen und setzt diese poetisch ins Bild.

Andere Opern des russischen Meisters liegen in der Gunst des Publikums höher - „Sadko“ und „Der Goldene Hahn“ werden häufiger aufgeführt. An Beliebtheit liegt die Symphonische Dichtung „Scheherazade“ unter den Werken des Komponisten, der sich der russisch-orientalischen Märchenwelt verpflichtet fühlte, an erster Stelle.


***
musirony November 2009 - Engelbert Hellen

 

 

 

 


 

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