musirony - Die unsichtbare Stadt Kitesh - PART 1
 

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Nikolai Rimski-Korsakow [1844-1908]

Die Legende von der
unsichtbaren Stadt Kitesch

und der Jungfrau Fewronia

*

Skasanije o newidimon grade Kitesche i dewe Fevronii

The Legend of the Invisible City of Kitezh and the Maiden Fevroniya

La Légende de la ville invisible de Kitège et la vierge Févronia


 

Oper in vier Akten und sechs Bildern

Libretto von Iwan Belski
nach Motiven einer russischen Legende


in russischer Sprache

Uraufführung am 20. Februar 1907 in St. Petersburg am Mariinskij-Theater


Charaktere:

Fürst Juri, Herrscher von Kitesch
Prinz Wsewolod, sein heiratsfähiger Sohn
Fewronia, eine Jungfrau, die mit ihrem Bruder im Wald von Klein-Kitesh wohnt
Grischka Kuterma, ein Trunkenbold und Vaterlandsverräter
Fjodor Pojarok, Freund und Gefährte des Prinzen
Bedjai und Burundai, zwei Tatarische Hauptleute
Ein Bärenführer
Ein wahrsagender Sänger
Ein Knabe als Blindenführer und Turmkletterer
Alkonost und Sirin, zwei Paradiesvögel
Musikanten, Tataren, Feine Leute und Lumpenvolk

Das Geschehen spielt in Russland zur Zeit der Tatarenfeldzüge

 






HANDLUNG (Part 1)

ORCHESTERVORSPIEL

Erster Akt:

In der Waldeinsamkeit an den Ufern der Wolga lebt das Mädchen Fewronia in enger Verbundenheit mit der Natur. Ihr Bruder besitzt im dichten Gestrüpp eine kleine Hütte und geht dem Beruf eines Baumkletterers nach. Unter dieser Tätigkeit versteht man das Durchsuchen von Vogelnestern in den Kronen der Bäume nach leckeren Vogeleiern, die sich auf dem Wochenmarkt von Klein-Kitesch und Groß-Kitesch gewinnbringend verkaufen lassen. Da Vater und Mutter leider tot sind und der Bruder sich tagsüber vornehmlich in den Wipfeln tummelt, ist Fewronia die meiste Zeit allein und führt Selbstgespräche oder unterhält sich mit den Tieren des Waldes. Vornehmlich sind es Rehe und Füchse, die ihre Gespräche sehr schätzen, aber verbal leider nicht antworten können. Wildschweine leben nachtaktiv, ohnehin dialogunsicher und Streicheleinheiten schwer zugänglich. Vögel sind mit ihrem eigenen Gezwitscher beschäftigt und den Kriechtieren geht die schöne Fewronia aus dem Weg. Bären können recht ungesellig werden. Zumindest ein junger Prinz, dem seine Mutter den Namen Wsewolod gab, hat diese Erfahrung gemacht. Ein Bär hat ihm seine Pranke auf die Schulter gelegt und der Jäger, der den Bären eigentlich jagen wollte, ist fast zusammengebrochen. Er nähert sich humpelnd dem Platz, auf dem Fewronia gerade eine Konferenz mit einer beschränkten Anzahl zutraulicher Tiere abhält.

Doch bevor die beiden in Liebe aufeinander zueilen, hören wir dem Monolog des vereinsamten Mädchens ein bisschen zu, was sie den Tieren des Waldes anzuvertrauen hat. Der liebe Eichenwald ist ihr Zarenreich. Die herrliche Wildnis hat sie aufgezogen und umhegt. Vögel und wilde Tiere, mit denen sie herumtollt, hat der Wald der von allen Menschen Verlassenen ihr als Gefährten zugeteilt und nachts flüstert er ihr schöne Märchen zu. Das Rauschen der Blätter übermittelt der Versponnenen Träume von Liebe und Sehnsucht. Fewronia schwärmt von dem Perlentau am Morgen, von der angenehmen Kühle bis zum Mittag und den graublauen Nebeln am Abend. Stille und frohe Gedanken beschäftigen sie, wenn zwischendurch einmal ein bisschen Ruhe eingetreten ist. Von was - piep, piep! - ernähren sich die kleinen Sänger eigentlich, wenn sie aus ihren Verstecken von schwankenden Moosen, Sümpfen und Sträuchern kommen? Viele Leckereien wie Körner und kleine Käfer stehen bereit. Die Kraniche bevorzugen allerdings Frösche aus den Sümpfen. Warum schreitet Wunderdoktor Langnase so missmutig umher? Ein junger Bär trabt gelassen vorbei und muss sich eine Rüge gefallen lassen, während die Waldschönheit ihn mit Bienenhonig füttert. Schlimmes erzählt man sich über ihn – ein Menschenfresser soll er sein! Solchen verleumderischen Reden schenkt Fewronia keinen Glauben. Viel Ehre wird dem zottigen braunen Tier erwiesen. Die Menschen führen Ursus durch ihre Dörfer und nach dem Klang der Schalmei darf er sogar tanzen. Fewronia kontrolliert die schreckliche Wunde, die scharfe Hunde dem Elch am Hals gerissen haben.

Plötzlich stieben alle Tiere davon, denn aus dem Gebüsch tritt unerwartet ein Fürstensohn hervor und geht auf das Mädchen zu. Ist der unbekannte junge Bursche etwa aus dem strahlenden Himmel gefallen? Hat sich an diesem Ort ein unsichtbarer Seraphim in eine strahlenden Jungfrau verwandelt? Oder ist es eine Sumpfhexe, die in der Regel auf den Wasserrosen sitzt, um einfältige junge Männer ins Verderben zu locken? Nach der Kleidung zu urteilen, könnte der holde Knabe ein Jäger sein, die ungewöhnliche Blässe seiner Haut verrät seine adelige Herkunft. Fewronia ist es, die den verwirrten jungen Mann zu einem Bier nach Hause einlädt, welches so süß ist, das selbst der bitterste Kummer sogleich verfliegt. Viel Zeit für die liebe Wirtin habe er allerdings nicht, betont er, weil er noch zu Hause sein muss, bevor es stockfinster wird. Er soll keine Angst haben, Fewronia seien alle Pfade des Waldes vertraut und sie wird ihn sicher geleitet. Jetzt gibt es erst einmal Abendbrot. Warum ist der liebe Mensch so traurig? Ach der Ärmel ist voll Blut! Ist der liebe Gast etwa verletzt? In der Tat sei er unterwegs einem Bären begegnet. Mutig habe er ihn mit seinem Taschenmesser niedergestreckt, aber nicht verhindern können, dass das Untier ihm die Schulter aufriss. Deshalb soll er sich keine Sorgen machen. Die kleine Fleischwunde wird sie mit Regenwasser waschen und dann Kräuter auf die blutende Stelle legen. Getrocknete Mohnblättchen stillen das Blut im Nu und das Fiber, sofern es eintritt, fällt sofort. Wo konnte die jungfräuliche Schönheit sich entfalten? Gewiss nicht in der Hauptstadt, in der die feinen Damen sich in Zobel kleiden, sondern in dunklen Wäldern hat der dunkle Schopf sich entwickelt! Lebt sie hier in der Wildnis ganz allein? Für den Theaterbesucher fasst Fewronia die Geschichte ihres Lebens noch einmal zusammen. Sie wohnt bei ihrem Bruder, der dem Beruf eines Baumkletterers nachgeht. Der Genannte klettert den fleißigen Bienen nach, um ihnen die Honigwaben zu stibitzen. Reichtümer kann man damit nicht einsammeln, und im Winter leidet sie und ihr Bruder manchmal sogar Not. Aber wenn der Frühling in die Wälder einzieht, die Auen unter Wasser stehen, Büsche und Bäume sich mit frischem Grün überziehen, ist der Frost des Winters vergessen. Bunte Blumen sprießen, die Vögel stimmen ihre Lieder an und auch der Kuckuck ist zu hören. Fewronia spricht von Frühlingsgedanken und goldenen Träumen. Ihre Stimme wird ganz lyrisch. Wsewolod meint, dass man verlockende Träume nicht suchen sollte, weil sie oft Lüge seien. Sein Suchen gilt der Wahrheit. Der schneidige Bursche soll sie nicht verurteilen, weil sie nur ein einfaches ungebildetes Mädchen sei. Sein Schmerz, sagt er, ist vergangen, weil die schöne Jungfrau mutmaßlich die passenden Zauberworte gesprochen hat. Sie verstehe es, die wilden Tiere anzulocken und das Blut zu stillen. Geht sie auch regelmäßig in Gottes Kirche, um zu beten? Nein, der Weg sei ihr zu weit. Kirche sei überall. Kirche habe sie hier genug! Nun hält Fewronia ihrem andächtigen Zuhörer einen Vortrag über Natur-Religion: Gottesdienst regiert den Wald bei Tag und Nacht. Der Thymian wird ersatzweise für den Weihrauch genommen und die Sterne leuchten als Kerzen. Die Vögel preisen den Herrn aus voller Kehle und die wilden Tiere grunzen von seiner Allmacht. Der ruhmvolle Thron Gottes steht hier in der Mitte. Mit ihren einfachen Worten hat Fewronia den Prinzen in ihren Bann gezogen. Schlichte Heiterkeit ist ihm entgegen geschlagen. Man solle nach den irdischen Freuden nicht allzu sehr lechzen, denn die Erde sei zum Leiden und Weinen gedacht, lautet die Philosophie Wsewolods. Gern würde er auch in die Einsamkeit gehen, doch die Kühnheit der Jugend stehe dem als Hindernis entgegen, obwohl die kecke Ausgelassenheit seine Sache eigentlich auch nicht sei.

Fewronia fällt aus allen Wolken. Wie kann man nur ohne Freude und ohne Heiterkeit sein? Die Vögel tummeln sich im vergnüglichen Spiel und die wilden Tiere hüpfen und springen. Tränen sollen nur aus Freude vergossen werden! Man sollte jeden so lieben wie er ist - egal, ob es sich um einen schweren Sünder oder einen rechtschaffenden Menschen handelt. Wer hat ihm seine Schuldgefühle eigentlich eingeimpft? Wenn er sich bemüht, Gottes Werke in seiner Pracht zu erkennen, würde er feststellen, dass die Erde ein wunderschöner Garten ist, in dem sich nur Paradiesblumen entfalten. Wsewolod ist von Fewronias Ausführungen begeistert: Heil sei dem honigsüßen Mund, der diese Weisheit von sich gab und dem Wald, der sie ernährte. Die schöne Jungfrau soll offen und ehrlich antworten, was sie von ihm hält! Wenn er ihr gefällt und sie ihn mag, könnte man beschließen, für immer zusammenzubleiben. Die Umworbene hat Bedenken, dass ein fürstlicher Jäger nicht zu ihr passen könnte. Doch er hat blitzschnell ihre Hand genommen und ihr einen Ring auf den Finger gesteckt. Jetzt möchte er sie küssen und umarmen und zwar ohne Schuldgefühle, denn es ist keine Schande, zum Bräutigam zärtlich zu sein. Vor Glück ist Fewronia ganz rot geworden und sucht auch nicht nach Ausflüchten. Der Kuckuck würde nicht so schön singen, wenn ein Unrecht im Anzug wäre. Jetzt macht er sich Gedanken, ob er ihrer Reinheit auch würdig sei. Das Täubchen soll ihn von seiner Schwermut befreien und göttliche Freude in seine Seele gießen.

Dazu kommt es nicht, denn im Wald ertönt ein Horn und Wsewolod hat nichts Eiligeres zu tun, als sein silbernes Instrument vom Gürtel zu nehmen und hineinzustoßen, um den Gefährten Antwort zu geben. Der Opernchor stört mächtig. Er singt ein Lied von freien Schützen, die nichts mehr zum Schießen fanden, weil die Vögel in den Himmel entkamen und die Säugetiere sich im Gebüsch versteckten. Fewronia soll horchen, denn die Kameraden haben sich eingefunden. Die Zeit für den Abschied sei nun gekommen. „Mach's gut Fewronia! Vielen Dank für Gastfreundschaft und Güte! Der offizielle Brautwerber kommt in Kürze vorbei!“ Der Opernchor hält nicht viel von Wsewolods ernsten Absichten und tönt, dass ein Wolf zum räuberischen Habicht wurde.

Fewronia ist glücklich und traurig zugleich. Der Liebste soll ihr nicht zuerst den Mund wässerig machen und dann verschwinden! Zu ihm im Besonderen und zu den Menschen im Allgemeinen fühle sie sich hingezogen. Um den einsamen Waldpalast tut es ihr leid, um ihre Tiere und ihre stillen Gedanken ebenfalls. Wsewolod versteht zu trösten! Über Einsamkeit wird sie nicht zu klagen haben, wenn sie erst einmal die Hauptstadt kennengelernt hat. Seine Schützen werden ihre Tiere nicht anrühren, weil der Forst von ihm für immer zum Naturschutzgebiet erklärt wird.

Jäger kommen von allen Seiten und tuten ins Horn. Mit dem Waldfrieden ist es erst einmal vorbei. Fewronia hatte noch einige Zeit ihrem flüchtigen Schatz hinterher geschaut, als der herankommende Pojarok sich an sie wendet und fragt, ob sie nicht einen jungen Burschen mit einem silbernen Horn am Gürtel gesehen habe. Wenn er sich beeilen würde, kann er ihn noch einholen, doch der Jäger soll ihr sagen, wie sein Kamerad eigentlich mit Namen heißt. Er habe ihr immerzu ihren Worten gelauscht, ihr die Verlobung versprochen, sei aber nicht dazu gekommen, sich vorzustellen. „Ei, ei! Schöne Jungfrau, das war unser Herr Wsewolod, Fürst Juris geliebter Sohn! Beide herrschen gemeinsam in der Hauptstadt Kitesch!“ Fewronias ergreift grenzenloses Erstaunen. ihr Unterkiefer sinkt nach unten.

Zweiter Akt:

Zeig' uns, Michajluschka,
zeig' uns, du kleiner Schalk,
wie der Glöckner Pachomuschka
ohne Eile in die Kirche geht,
auf seinen Stock gestützt,
langsam vorwärts trottet!“

Für die einfache Landbevölkerung ist es immer eine Attraktion, wenn das zottige Tier den Weisungen seines Herrn artig folgt. Liebevolle Emotionen schlagen dem Braunbär entgegen, ohne dass die braven Leute darüber nachdenken, welche qualvolle Prozedur voranging, um das arme Tier gefügig zu machen. Michajluschka ist gelehrig und zeigt eine Reihe Variationen seiner Unterwürfigkeit.

Der Opernchor stellt einen Gusli-Spieler vor und bittet, eine Weile mit dem Lärmen aufzuhören, um seinem tiefsinniges Liedchen aufmerksam zuzuhören. Möglicherweise sind es heilige Verse über Jerusalem. Doch der hagere Alte mit den schlohweißen Haaren erzählt von Huftieren mit goldenen Hörnern, die auf eine alte Kuh trafen, welche sich erkundigt, wo sie Kinderchen gewesen seien. Das Thema wechselt abrupt zu einer Jungfrau, die an der Mauer entlang läuft, ein seltsames Buch in der Hand hält und unaufhörlich weint. Es ist kein Lied zu einem Freudentag, denn es verheißt schwere Zeiten. Ach, die törichten Kinder ahnen nicht, dass die Himmelskönigin selbst in dem Buch gelesen hat und das große Unheil bereits kennt, welches über die Stadt Kitesch kommen wird. In der Tat stehen schwere Zeiten bevor, denn das ganze Land wird durch Feindesmacht verwüstet. Die Frauen und Mädchen bitten den Erlöser sich noch einmal die schwere Sündenlast der Menschen auf den Buckel zu packen. Aber woher soll das Unglück kommen? Träge zieht der Fluss vorbei und friedliche Ruhe herrscht an den Ufern der Wolga! Gott wird das ruhmreiche Groß-Kitesch und seinen Fürsten Juri beschützen, und Allen, die aus tiefem Herzen nach Frieden verlangen, wird das himmlische Jerusalem ein Zufluchtsort auf Erden sein. Die Waisenkinder sind mit Speise und Trank versorgt, die Tränen werden getrocknet und alle sind getröstet. Für traurige Botschaften sind die Menschen nicht aufnahmefähig.

Zeig' uns, Michajluschka,
zeig' uns, du kleiner Schalk,
wie sich die Braut wäscht, sich pudert,
sich schminkt, im Spiegelchen bewundert
und sich schön herausputzt!“

Der Bär macht seltsame Gebärden mit seinen Tatzen, der Vorführer spielt auf seiner Flöte, und das Volk lacht und wartet auf den Brautzug. Die feinen Leute kommen dazu, als der Bär mit einer Ziege tanzt und mokieren sich, an was das Lumpenvolk seinen Gefallen findet. Man hat ein wichtigeres Thema, über das man tuscheln kann. Die bevorstehende Hochzeit sei schon ein schlimmes Unglück. Alle Menschen sind jetzt mit dem Fürsten verwandt! Die vornehmen Damen empören sich und überlegen, ob sie sich vor der Braut überhaupt verneigen sollen, denn man sagt, sie sei von unbekannter Herkunft. Selbst Grischka, der Trunkenbold, feiert die bevorstehende Hochzeit schon jetzt und kennt sich selbst nicht mehr vor Freude. Gerade wird er aus der Schenke gejagt und legt sich nun mit den feinen Leuten an.

Dem fahrenden Volk, zu dem er gehöre, gehe die Angelegenheit des Fürsten nichts an. Schon von Jugend an haben sie niemandem gedient und niemand hat ihnen Arbeit aufgetragen. Wer ihnen die Schöpfkelle mit Met reichte, war ihr liebender Vater, und wer den Kessel mit Grütze bereitstellte, galt bei ihnen als Fürst.

Die Angesprochenen blinzeln sich zu und sagen, dass sie auch für einen Trunkenbold, wie er einer sei, ein Herz haben. Er soll soviel Wein trinken, wie er kann, damit er danach die Braut freudig begrüßen kann. Er soll ihr die Ehre erweisen, die sie verdient. Die Umstehenden beobachten, wie Kuterma ein paar Münzen empfängt, und sehen den Tisch für sich ebenfalls gedeckt. Die lieben Väterchen sollen ihnen auch eine milde Gabe zukommen lassen. Segen wird in ihr Haus einkehren und alle Vorfahren gelangen unverzüglich ins Himmelreich. Kuterma verspricht, sich der Menge wohlwollend anzunehmen, sobald er dazu in der Lage sei. Der Säufer soll verschwinden. Niemand sollte sich mit ihm einlassen. Der Küster steht mit dem Knüppel am Kirchenportal und will ihm nicht den Weg frei geben, weil er vom Teufel aufgehetzt sei, Streit und Rauferei zu produzieren. Kuterma sei von kleinauf Kummer gewohnt, denn mit Tränen wurde er geboren. Nur im Rausch sei die Welt zu ertragen und Geld zerrinnt, so wie man es gewinnt. Sein Vermögen wird er jetzt vertrinken und außerdem, nackt herumzulaufen sei nur eine kleine Schande.

Die Menge hofft, dass zur Hochzeitsfeier in Groß-Kitesch für alle zu essen und zu trinken geben wird. Der Bär tanzt wieder mit der Ziege; das Volk lacht und die feinen Läute amüsieren sich schweigend. Der Alkohol hat Kuterma zugesetzt und er droht aggressiv zu werden.

Freunde, das ist ein Fest, man ruft uns zu den Pfännchen,
man läutet zum Fraß. Beweihräuchert die Ofenbesen!
Man bringt uns die Braut – aus dem Sumpf wird sie herbeigeschleppt,
ein nichtsnutziges Gesinde gibt ihr das Geleit.
Sie trägt einen Pelz aus Mäuseschwänzen,
ihr Kleid ist aus Bast, nicht genäht, nicht gewebt.“

Der verfluchte Hund soll verschwinden. Fort mit dem gierigen Säufer! Die Schellen klingeln und der Brautzug kommt den Berg herab - die goldene Kutsche mit der schönen Jungfrau. Es gehört zum Volksbrauch, dass die Straße mit roten Bändern abgesperrt wird, um die drei Kutschen erst dann vorbeizulassen, nachdem sie sich „freigekauft“ haben. Fjodor Pojarok muss mit dem Pöbel verhandeln, damit der Zug das Stadttor passieren kann. Kosmas und Damian, die heiligen Schmiede, sollen dem Paar eine Hochzeit schmieden, die ewig hält, sofern der Wegzoll reichlich ausfällt. Pojarok und seine berittenen Begleiter verteilen Pfefferkuchen und werfen Münzen in die Menge. Von Herzen ist die neue Fürstin willkommen, die liebste Fewronia Wassilewna! „Ach, wie schlicht die Fürstin ist“ tönen die feinen Leute „soll das jetzt unsere Herrscherin sein?“Das Volk erwartet ebenfalls, dass die Neue als strenge Herrin thronen wird. Man versucht den vordrängenden Kuterma zu verjagen. Pojarok rät Fewronia, auf den elenden Trunkenbold nicht zu achten, denn es gezieme sich für eine Fürstin nicht, mit ihm zu sprechen.

Fewronia kann von ihrer Moralphilosophie nicht lassen und meint, dass man dem Aufdringlichen ein gutes Wort nicht verweigern solle, ohne sich gegen Gott zu versündigen. Kuterma wird sofort unverschämt, als Fewronia ein gutes Wort einlegt. Die liebste Fürstin sei hoch aufgestiegen, doch vor dem Volk brauche sie sich nicht aufzuspielen, denn sie seien doch alle vom gleichen Schlag. Die Leute wollen Fewronia beschützen, doch diese kann die Situation nicht einschätzen und fällt ihnen mit einer unpassenden Antwort in den Rücken: Sie sähe keine Möglichkeit, sich als einfaches Mädchen aufzuspielen. Ihren Platz kenne sie genau und, sich ihrer Sünden bewusst, verneige sie sich vor dem Volk tief. Kuterma entgegnet, dass sie sich nicht zu früh freuen soll, weil das Glück dem Menschen oft zum Verhängnis wird. Bitteres Elend mache habsüchtig. Die Not werde ihr auf den Fersen folgen und nach Linderung heischen. Mittendrin in den Hochzeitsfeierlichkeiten soll sie die prächtigen Kleider abwerfen und das Fest verlassen. Vor dem schmutzigen, barfüßigen und hungrigen Leid soll sie sich verneigen. Es wird ihr beigebracht werden, sich im Unglück froh und sorglos zu geben. Pojarok mahnt erneut, auf den Trunkenbold nicht zu hören. Fewronia rät dem Zudringlichen, er solle zum heiligen Wassili beten. Dieser sei der Fürsprecher der armen Trinker, damit es mit ihm nicht schlimmer werde und das Volks sich über ihn lustig mache. Unbewusst hat Fewronia zu ihrem Stil gefunden und den Hass des Säufers angestachelt, der losschreit, dass sie kein Recht habe, ihn zu verachten. Wenn sie bettelnd umherzieht und im Namen Christi um milde Gaben bittet, wird sie wohl selbst sich dazu drängen, dass er sie zu seinem Liebchen macht. Dem Volk reicht diese Unverschämt und es gelingt, den Säufer vom Platz zu vertreiben.

Pojarok fordert die Musiker auf, zu spielen und die Mädchen sollen ihrer Fürstin ein Lied singen. Die Feierlichkeiten nehmen ihren Anfang und die liebe Fewronia Wassilewna wird mit Hopfen und Getreide bestreut. Der Hopfen soll froh und heiter machen und die Körner den Wohlstand garantieren.

Plötzlich entsteht eine große Unruhe. Pferde wiehern, Wagen quietschen, Frauen schreien, und eine aufgeschreckte Menge kommt angelaufen. In der Ferne steigt über dem Handelsviertel Rauch auf.

Ach, großes Unglück sucht uns heim, liebe Leute,
Und es wird keine Vergebung geben,
bis auf den letzten werden wir sterben
um unserer schweren Sünden willen.
Ein bisher unbekannter 
und unglaublich grausamer
Feind ist heute aufgetaucht,
als wäre er aus der Erde gewachsen.“

Das sind Teufel, keine Menschen,
und sie haben keine Seele,
Christus, den Herrn kennen sie nicht
und verhöhnen unsere Kirche.
Alles setzen sie in Brand,
alles unterwerfen sie ihrem Schwert.
Die schönen Mädchen schänden sie,
die kleinen Kinder reißen sie in Stücke.“

Ach, wohin sollen wir fliehen
Ach, wo sollen wir uns verstecken?
Schwarze Finsternis verbirg uns,
ihr Berge, ihr Berge, verstellt ihnen den Blick.
O weh, sie kommen, sie holen uns ein,
sie sind uns dicht auf den Fersen.
Rettet Euch! Ach da sind sie! O weh!“

Die Regieanweisung lautet: Tataren erscheinen in bunten Gewändern. Das Volk läuft in Panik auseinander, und versteckt sich, wo immer möglich. Eine Gruppe Barbaren mit Krummschwertern und Streitkolben trifft ein. Die Tataren jagen die erschrockenen Einwohner, spüren sie auf und erschlagen sie.

Bedjai sieht keine Veranlassung, jemanden zu verschonen. Alle sollen totgeschlagen werden. Burundai weist auf Fewronia: „So eine Schönheit gibt es in der Steppe nicht. Die Sumpfblüte verschonen wir und nehmen sie mit!“ Fewronia wird mit einem Strick gefesselt, damit sie nicht weglaufen kann. Kuterma ist kleinlaut geworden: Die edlen tatarischen Fürsten sollen sich seiner erbarmen. Ein Trinker sei zu nichts zu gebrauchen, deshalb sollen sie ihn doch bitte verschonen! Offenbar haben die Tataren keine Kundschafter, weil sie nicht wissen, wo die Hauptstadt zu finden ist. Kuterma wird eine Belohnung versprochen, wenn er ihnen den kürzesten Weg durch den Wald zeigt. Fewronia bittet den armen Grischka, standhaft zu bleiben und die Auskunft zu verweigern. Die schöne Jungfrau soll die Klappe halten! Kuterma macht Einwände geltend, zittert aber vor Angst. Eine ganze Stadt soll er dem Verderben ausliefern, so wie Judas Christus verraten hat. Die beiden Tataren drohen, wenn er nicht mitkomme, um ihnen den Weg zu zeigen, reißen sie ihm die blauen Augen heraus und schneiden ihm die Zunge ab. Bei lebendigem Leib wollen sie ihm die Haut abziehen und anschließend rösten. Doch Kuterma ist vorläufig wider Erwarten des Opernpublikums mutig, schweigt und wägt ab was schlimmer ist, das Höllenfeuer oder von den Tataren massakriert zu werden. Schließlich entschließt er sich, der Gefahr als erstes zu begegnen, die am unmittelbarsten droht. Das Heer des Batu-Khan führt er auf den Weg durch den unbekannten Wald, überquert mit ihnen den reißenden Fluss in Richtung nach Groß-Kitesch der glanzvollen Hauptstadt. Dort gibt es allein vierzig Kirchen, unschätzbar viel Silber und Gold darin. Die Perlen kann man mit dem Spaten schaufeln.

Der Opernchor ist untröstlich: Eine schreckliche Strafe kommt über Russland, die mächtigen Städte werden dem Erdboden gleichgemacht, die Kirchen niedergebrannt, die Alten und die Kinder werden totgeschlagen, die jungen Frauen verschleppt und die wehrfähigen Männer versklavt.

Nun muss die schöne Jungfrau Fewronia beweisen, was sie in der Waldeinsamkeit in Gesprächen mit den wilden Tieren gelernt und durch Meditation erworben hat. Sie betet zum Himmel, dass er die Stadt Kitesch und die Menschen, die in ihr leben, unsichtbar machen soll.

 

Fortsetzung auf Blatt 2

 

 

 

 

 


 

 

 


 
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