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Der Kampf um die Macht



Jean Racine

Georg Friedrich Händel [1685-1759]

Athalia


Oratorium in drei Akten

Libretto von Samuel Humphreys
nach dem gleichnamigen Drama von Jean Racine

in Anlehnung  an das Alte Testament, 2. Buch der Könige, Absatz 11 (Atalja)


englisch gesungen

Uraufführung am 10. Juli 1733 am Scheldonian Theatre in Oxford

Personen:
Athalia, Königin von Juda, Anhängerin des Baal-Kultes
Joas, rechtmäßiger König, noch im Knabenalter
Joad. Der Hohepriester Jahwes
Josabeth, seine fürsorgliche Frau
Abner, Heerführer
Mathan, ein Baal-Priester

Ort und Zeit: Palästina im neunten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung

http://de.wikipedia.org/wiki/Atalja



HANDLUNG

SINFONIA

Erster Akt:

Erste Szene

Es ist Josabeth, die Frau des Hohepriesters, der die Aufgabe zufällt, im Tempel zu Jerusalem die Darbietungen des gemischten Chores mit den liturgischen Gesängen der Jungfrauen zu koordinieren. Nachdem der junge Tag erwacht ist, huldigen die Letztgenannten Jehovas Macht und preisen seine Herrlichkeit. Wegen der herrlichen Poesie soll der Vers, den die Mädchen auswendig gelernt haben, im Wortlaut vorgestellt werden:

„Den jungen Tag hat Gott gekrönt, mit heiterem Glanz, mit Pracht verschönt.
Am Himmel glänzt der Strahlenball, und strömend Licht dringt durch das All.
Er wob der Blumen Prachtgewand, vom Balsam duftet seine Hand.
Sie gab der Wies’ ihr reizend Grün, ließ weiß und rot den Baum erblüh’n!“ 

Der Tempelchor mahnt die Besucher in heiliger Scheu ihren Sinn auf die Werke des Allmächtigen zu lenken und sich Gedanken über die Größe des Schöpfers zu machen. Auf die Königin Athalia ist Josabeth nicht gut zu sprechen und macht zynische Andeutungen, dass Salems Harfenton ihrem Herrschaftsanspruch nur stumm gehorchen wird. Der Chor respektiert die amtierende Königin ebenfalls nicht und stellt fest, dass ihr stolzes Droh’n nur eitel ist. Heerführer Abner, der in Friedenszeiten die Tempelwache kommandiert, reflektiert, dass der Stolz, der oftmals zur Schau gestellt wird, vor Strafe nicht schützt. Er fragt die Leute, wer es ist, der donnernd sich erhebt, wenn vor dem Sturm der Frevler bebt, in der düstren Majestät der Nacht hoch über den Wolken seiner lacht? Den Kindern Israels sitzt der Schreck noch in allen Gliedern, wenn sie sich erinnern, als Gottes Gebot unter Sturmgebraus vom Berg Sinai verkündet wurde und der Gipfel des Berges Horeb rauchte.

Zweite Szene

Der Hohepriester gebietet, dass das heilige Lied schweigen soll, denn jetzt ist Tempeldienst zu verrichten. Weiteres Zögern hindere an der schuldigen Pflicht. Juda, das erwählte Geschlecht, trägt schweres Leid, denn ein hartes Los hat es erwischt. Der stolzen Athalia freche Hand drückt das schöne Land mit Verderben. Sie entflammt am Götzenaltar die Glut und höhnt den wahren Gott in wilder Wut. Ach Joad, ist es wirklich so schlimm? Wenn es des Herren Ratschluss ist, dass Juda untergehen soll, muss man versuchen, ihn umzustimmen. Man kann ihm auch Vorhaltungen machen, Jammern hat schon oft geholfen! Soll vor der stolzen Heidin Thron das Volk sich beugen ihrem Hohn? Nein, das darf doch nicht sein Wille sein. In seiner Eigenschaft als Rächer soll der Herr strafend zuschlagen, man wünscht es sich heiß und innig. Der Herr zögert schon viel zu lange.


Dritte Szene

Im Falle einer szenischen Aufführung, gibt es jetzt einen Dekorationswechsel. Er führt dem Publikum die ornamentale Säulenarchitektur mit bunten Schmuckmotiven aus Botanik und Zoologie des heidnischen Kanaan vor. Der Hörer ist nun in Gedanken bei Athalia, die anstelle ihres gefallenen Sohnes den Thron eingenommen hat. Die Königin hatte einen bösen Traum, und Mathan soll den Aufruhr in ihrer Seele ruhig stellen. Doch lassen wir Athalia selbst zu Wort kommen:

„Hör’ an! Ich lag versenkt in tiefe Ruh’, da schwebt der Geist der Mutter auf mich zu
und weh, es fasst der Schreck mich tief, als sie die Donnerworte rief:
O Athalia, zittre für den Thron, denn Judas Gott verfolgt dich, spricht dir Hohn.
Er kommt in unversöhntem Zorne heut’ mit allen Schrecken, aller Furchtbarkeit.“ 

Die Kämmerer und Hofleute versuchen, Athalia zu beruhigen. Sie soll der starken Macht ihrer Götter vertrauen, aus deren Hand ihr Segen lacht. Sie werden auch sie mit Heil und Glück erfreuen und allen Gram zurückscheuchen. So einfach lässt sich die Königin nicht beschwichtigen, zudem ist sie mit ihrem Report noch nicht zu Ende gekommen. Die Gestalt der Mutter entschwand und schien in Schatten aufgelöst. Blass entwand sie sich ihren Armen und ihre blutigen Glieder boten sich Athalias Blick. Ergrimmte Tiere stritten sich um sie und sättigten an ihrem Blut ihre heiße Gier.

Der Madrigalchor fleht, dass Baal ihr Ruhe und Heiterkeit schenken und zu ihrem Schutz seinen Arm bereit halten möge. Doch Athalia lässt sich nicht ablenken. Das Verbrechen, welches der Sieger ihrer Mutter Jesebel angetan hatte, verfolgt sie unablässig. Doch das Traumbild wechselt. Athalia sah einen Knaben in glänzendem Gewand, als ob er auf ein Fest vorbereitet werde. Sein liebliches Wesen und sein sanftes Lächeln verbannten anfangs ihre Furcht, doch als sie sich ihm vertrauensvoll näherte, stieß er ihr einen Dolch in die Brust. Niemand war da, der sie schützte, und sie sank zu Boden und erwachte.

Mathan, der abtrünnige Priester, erklärt der Königin, dass das Zerrbild des Traumes ihre Furcht verursache, doch um sie zu beruhigen wird er im Tempel nach dem Knaben, auf den ihre Beschreibung passe, fahnden lassen. Wird er dort entdeckt, soll er am Altar sogleich den Tod finden.

Vierte Szene

Abner spricht zum Hohepriester von Athalias Ängsten, die durch ihr Traumgesicht ausgelöst wurden. In der Tat hat Josabeth den Knaben Joas in ihre Obhut genommen und ihm Pflege angedeihen lassen, um ihn dem Zugriff seiner hasserfüllten Großmutter zu entziehen. Unter den Tempelknaben verrichtet er unauffällig Dienst im Heiligtum Jahwes. Nun ist er dem frühen Kindesalter entwachsen und der Hohepriester glaubt, es sei an der Zeit, dem Volk von Juda den legitimen Thronfolger vorzustellen. Ein gewagtes Spiel, doch auch Josabeth fühlt sich als Werkzeug in Gottes Ratschluss und will das Risiko eingehen. 

Zweiter Akt:

Fünfte Szene

Im Kollektiv mit dem Chor der Leviten und Israeliten dankt der Hohepriester dem Himmel für eine reichlich ausgefallene Ernte. Der allmächtige Gott, dem sie vertrauen, lässt sie seine Gnade schauen. Er gibt der Erde den Sonnenschein, der Ölbaum grünt, es wächst der Wein; das Feld schmückt sich mit goldenem Korn und bringt der Erde Sonnenschein. Alles könnte geregelt laufen, wenn das Land von starkem Druck befreit wäre. Joad nimmt die Äußerung Abners als Ansatz,  ihn für seine Pläne einzuspannen. Von dem Stamm, den er beweint, sei noch ein grüner Zweig übriggeblieben. Wäre der Feldherr bereit, diesen mit seinem Schwert zu schützen? Der Überraschte will die Beweise prüfen, erst dann ist er bereit, dass Racheschwert zu schwingen. Der Hohepriester sieht seinen Eifer mit Genugtuung, noch bevor der Tag sich neige, werde er ihn überzeugen.

Sechste Szene

Unverhofft kreuzt die Königin bei der Frau des Hohepriesters auf. Die Monarchin ist nicht in bester Stimmung. Verwirrt sei ihr der Geist, behauptet sie, denn erneut ist das Spukgesicht vor ihrem Auge erschienen, der Todesscheck rinne ihr noch durch die Adern. Ist das holde Kind an ihrer Seite ihr Sohn, will Athalia wissen. Ihrer besten Liebe sei es wert, doch Josabeth bedauert, nicht die Mutter zu sein. Da sie ihm den Vater nicht nennen will, fragt sie den Jungen selbst. Eliakim heiße er, sei ein Waisenkind und wisse nichts von seinem Stamm. Wer ihn in des Lebens Lenz beschütze, bohrt Athalia weiter? Seine Antwort ist vage, aber die Reaktion der Königin bestimmt. Noch heute soll er ihr in den Palast folgen, damit sie sich um seinen Schutz kümmern kann. Joas bedauert, dass er seinem Gott nicht treu sein könne, wenn dieser ihn bei ihren Festen sähe. Der Priesterin Zucht ist lobenswert, denn was sie ihm eingeschärfte, hat er gut nachgesprochen. Doch ihre Mühe wird vergebens sein, denn binnen einer Stunde wird ihre Macht ihr den teuren Zögling entreißen. Athalia lässt ihrem Hass freien Lauf, denn sie hat in dem Knaben das Traumgesicht wiedererkannt. Joas begreift die überzogene Reaktion der Hasserfüllten nicht, da er ihre Geschichte nicht kennt und man seine edle Abkunft vor ihm verborgen gehalten hat. Nun fürchtet Josabeth um das Leben ihres Schützlings.

Siebte Szene

Was immer der Tyrann beschließt, aus Leid und Schmerz oft Freude sprießt. Joad ist es gelungen, Abner auf seine Seite zu ziehen. Er garantiert den Schutz des Thronfolgers, so dass die Evakuierung in den Palast der Herrscherin vorläufig ausgesetzt wird. Der Chor der Leviten kostet die Wende der Situation genüsslich aus.

„Ist Rache heiß, durch Schuld entflammt, dann fällt des Frevlers Haupt, verdammt! Freu’ Juda dich in deinem Gott, den stolzen Feind trifft Hohn und Spott.“ „ Die dunkle Nacht weicht hellem Glanz und Freude folgt in heitrem Tanz“ lassen drei Jungfrauen sich vernehmen, um den dramatischen zweiten Akt in Hochstimmung zu beschließen.

Dritter Akt

Achte Szene

Der Hohepriester ist zuversichtlich, dass das Blatt sich nun wenden wird. Jerusalem soll nicht längerder Frevlerin Herrschaft seh’n, denn ihre Macht wird bald zu Ende geh’n. Die Leviten und der Chor der Jungfrauen pflichten ihm bei. Joad fragt den Jungen, wen er sich von Judas Königen zum Muster seiner Herrschaft wählen würde, falls der Himmel ihm das Diadem aufs Haupt setzte. Gerecht wie David möchte er regieren!. Die Antwort gefällt dem Hohepriester und er ist nun bereit, dass Knie vor ihm zu beugen.

Neunte Szene

Mathan, der abtrünnige Priester, versucht sich bei Josabeth einzuschmeicheln, erhält aber eine Abfuhr. Süßes Lächeln und falsches Heucheln, Zaubertöne und sanftes Schmeicheln verfehlen ihre Wirkung bei der rechtschaffenen Priesterfrau. „Geh, du falscher Heuchler, geh’! Du schaffst als Freund wie Feind nur Weh’!“

Zehnte Szene

Athalia stürmt in den Tempel und will den Knaben entführen. Joad und die anwesende Priesterschaft stellen ihr den Jungen, textil-  und juwelengeschmückt als zukünftigen Herrscher vor. Die Jungfrauen, Leviten und Priester huldigen Joas, dem neuen König. Juda wird jetzt neu belebt und die Götzenbilder haben zu verschwinden. Mit kräftig starker Hand, wird er verbannen sie aus seinem Land. Athalia bekommt die Leviten gelesen und fühlt sich verraten. Die Entmachtete fordert Abner auf, einzugreifen. Doch der Heerführer erklärt, dass sein Schwert jetzt dem neuen König gehöre, der Himmel habe ihm diese Gunst gewährt. Ihre Götzendienerei gehe ihm schon lange auf die Nerven. Mathan fühlt Gewissensbisse und hört den Donner des Herrn grollen. Die Monarchin entwickelt Angstzustände und fragt, wo sie sei. Sie ahnt, dass ihre Herrschaft zu Ende geht. Gönnen wir ihr einen bombastischen Abgang, indem wir Humphreys Verse in vortrefflicher deutscher Übersetzung nachstellen:

„Ich hoff’ umsonst! Nicht Rettung mehr’
Judäas Gott wird Sieger sein.
Der heutige Tag bringt mir den Tod.
Doch Verräter! Zagen werde ich nicht;
Denn Jesebels hoher Sinn erfüllt meine Brust,
Und selbst der Tod wird nur Triumph mir sein.
Euch dunklen Nächten,
Euch schrecklichen Mächten,
Unerschrocken weih’ ich mich euch ...“ 

Letzte Szene Man freut sich auf den Regierungswechel und lobt den Herrn. Es wird noch poetischer Müll angehäuft, um das Ende des Oratoriums hinauszuzögern. Das Konzertpublikum ist darüber nicht ungehalten und lässt sich von Händels herrlichen Ensembleszenen und den Jubelchören mitreißen.

ANMERKUNG:

Jean Racine schuf das Risiko, ein Kind in einem Drama eine Hauptrolle spielen zu lassen. Eine unerhörte Neuerung, da man der Ansicht war, dass das Kind, ein unfertiger Mensch, auf der Bühne als dramatisches Element keinen Platz habe. Doch Joas bildet aus theatralischer Sicht einen vollwertigen Gegenpart zur irrwitzigen Großmutter. Der Dramatiker macht es sich nicht leicht, das Handeln Athalias zu erklären. Racine unterstellt ihr nicht pure Mordlust, weil Athalia ihre gesamte männliche Verwandtschaft ausrottet, um sich den Thron zu sichern. Das Schicksal ihrer Mutter Jesebel, die aus dem Fenster gestürzt und von Hunden zerfleischt wurde, verfolgt sie als Trauma. Ihr Sohn Ajasha, dessen Platz auf dem Thron sie eingenommen hat, wurde vom militärischen Sieger in den Tod gehetzt. Athalia fühlt sich von den Erfordernissen der Macht, die den Mord gebieten und den Emotionen ihres Herzens, welche die Schonung des unschuldigen Enkelsohnes fordern, in die Zange genommen. Dem Fanatismus ihrer Gegner, die den Mord aus religiösem Eifer als Tugend betrachten, fällt Athalia schließlich deren Rachedurst und Freiheitsdrang zum Opfer.

Der Librettist Samuel Humphreys hat Racines Drama auf ein Mindestmaß an Verszeilen reduziert. Das Händel-Oratorium bietet daher keinen psychologischen Tiefgang, sondern benutzt die neu geschmiedeten Verse als Unterlage für ein weiteres unvergleichliches Oratorium, dem "Esther" und "Deborah" vorausgingen. Die vorzüglich gestaffelten Chöre fesseln den Konzertbesucher mit alttestamentarischer Wucht und garantieren ein musikalisches Erlebnis von äußerster Intensität.

***
musirony 2008 - Engelbert Hellen
 

 

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